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In this World

GB 2002. R: Michael Winterbottom. B: Tony Grisoni. K: Marcel Zyskind. S: Peter Christelis. M: Dario Marianelli. P: Revolution Films. D: Jamal Udin Torabi, Enayatullah, Imran Paracha, Hiddayatullah, Hossain Baghaeian, Yaaghoob Nosraj Poor u.a.
89 Min. Arsenal ab 18.9.03.

Im Gutmenschen-Mäntelchen

Von Achim Wetter Es scheint auf den ersten Blick ein heißes Eisen zu sein, das Michael Winterbottom anpackt mit seinem unlängst auf der Berlinale als bester Film ausgezeichneten Flüchtlingsdrama In this World. Denn wer sich dem denkbar prekären Thema der illegalen Einwanderung annimmt und aus den vielen tragischen Nachrichtenmeldungen, aus Berichten und Interviews eine hochemotionale Fluchtgeschichte zusammenschustert, muß in seinem Film ganz zwangsläufig auch eine eigene Position entwickeln. Falsch gedacht, denn durch die geschickte Kombination aus dokumentarischem Stil und fiktionalem Kern schafft es Winterbottom, sich aalglatt an jeglicher Stellungnahme vorbeizuwinden.

Dabei fängt alles so gut an. Mit wackeligen Digitalbildern trifft Kameramann Marcel Zyskind die sonderbare Stimmung in der afghanischen Flüchtlingsgemeinde im pakistanischen Grenzort Peshawar. Improvisiert und chaotisch wie das Leben der Vertriebenen wirken die gelbstichigen Bildfetzen. Als stille Beobachter, die dem Geschehen immer einen Schritt hinterher zu laufen scheinen, lernen wir den 20jährigen Enayat kennen, der am Marktstand seiner Familie arbeitet, und seinen jüngeren Cousin Jamal. Jamal ist Waise und beherrscht ein paar Brocken Englisch. Enayat soll, so will es der Vater, die Flucht nach London wagen, um sich dort selbst und seiner Familie in Pakistan ein besseres Leben zu ermöglichen. Jamal überredet den Onkel, Enayat als Dolmetscher begleiten zu dürfen. Eine Menge Bargeld wechselt den Besitzer, bevor die beiden jungen Männer in die Hände von organisierten Menschenschmugglern übergeben werden.

Von diesem Zeitpunkt an bedient Winterbottom sämtliche Klischees, die eine »echte« Flüchtlingsgeschichte heute offenbar umwehen. Getarnte Gemüsetransporte und willkürliche Straßensperren, sonnenbebrillte Grenzpolizisten und betrügerische Schlepper, sich nähernde Gewehrsalven und schließlich der unvermeidliche Container, in den viele Menschen hineingepfercht werden und aus dem nur wenige wieder lebend herauskommen. Glückt auch der Versuch, akutes Grauen stets behutsam in passende Bildformate zu übertragen, wird der Film vor allem geprägt durch das enge Korsett plumper Hollywooddramaturgie. Spannungsbögen wie aus dem Lehrbuch und eine bombastische Orchesteruntermalung ersticken alles, was man von diesem Film an aufklärerischer Glaubwürdigkeit erwartet haben mag. In this World zählt damit leider zu den viel zu vielen verlogenen Filmen, die zwar reißerisch vorgeben, die Ungerechtigkeiten in dieser Welt anzuprangern, aber nichts weiter tun, als auf Kosten fremder Schicksale heftig auf die Tränendrüsen zu drücken. 1970-01-01 01:00
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