— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

In stürmischen Zeiten

The Man Who Cried GB 2000. R,B: Sally Potter. K: Sacha Vierny. S: Hervé Schneid. M: Osvaldo Golijov. P: Working Title. D: Johnny Depp, Christina Ricci, Cate Blanchett, John Turturro, Claudia Lander-Duke u.a.
97 Min. Advanced ab 22.02.01

Die Mediocre

Von Tamar Noort Wasser, Feuer und Musik, und mittendrin ein Mädchen, schnappend nach Luft. Das Eröffnungsbild zu Sally Potters The Man Who Cried dient wohl dazu, den Themen des Films in komprimierter Form vorzugreifen: Die Haltlosigkeit des Exils, der Verlust von Kultur und Sprache und die Suche nach der eigenen Identität in der Fremde. Funktioniert der Film auf der Bildebene, so ist die Regisseurin leider an ihrer inhaltlichen Aussage kläglich gescheitert. Im Gegensatz zu ihrem medienwirksamen fiktionalen Namensvetter hat Potter mit den schönen Bildern, die Sacha Vierny geschaffen hat, ganz und gar nicht gezaubert, sondern sie zu einem seichten Rührstück zusammengereiht.

Der Einsamkeit des Exils muß eine heile Welt vorausgehen, und die wird uns auf durchaus eindrucksvolle Weise gezeigt. In den tiefen Wäldern Rußlands verschmilzt das warme, satte Grün mit dem strahlend-erwartungsvollen Gesicht eines Kindes, das sich schmunzelnd mit dem Vater ein Versteckspiel liefert. Sofort wird deutlich: Diese Idylle ist nicht von Dauer, und trotzdem ist es ein Schlag ins Gesicht, als sich das warme Grün in kaltes Blau verwandelt und Vater und Tochter Abschied nehmen.

Suzie, als russische Jüdin im französischen Exil, verkörpert im Paris der 30er die gesamte traurige Einsamkeit, die einen Menschen ohne kulturelle Anbindung und ohne Boden unter den Füßen auszeichnet. Leider läßt aber die Geschichte ihrer Identitätssuche, ihrer Sehnsucht nach Vertrautheit und Nähe, eine Stringenz vermissen, die deutlich macht, mit welcher Unentschlossenheit Potter sich ihrem Thema genähert hat. Statt einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Exils auf Psyche und soziale Kompetenz zeigt der Film lediglich unterschiedliche Wege auf, mit Heimatlosigkeit umzugehen, und verliebt sich dabei so sehr in seine Charaktere, daß er bei diesen hängenbleibt. Das hat zur Folge, daß der Film nur an der Oberfläche entlang tänzelt und dem Zuschauer nichts anderes übrig bleibt, als sich von Bild zu Bild zu hangeln.

Daß dies nicht vollends zum Ärgernis wird, ist zum einen Sacha Viernys ausdrucksstarken Bildern zuzuschreiben. Da rasen drei Reiter des Nachts über den Place de la Concorde, verfolgt von einem Mädchen auf dem Fahrrad. Die Kamera fängt Suzie dabei stets so ein, daß sie im Wechsel von der Verfolgerin zur Verfolgten wird, und thematisiert damit einerseits Suzies sehnsüchtige Jagd nach Geborgenheit und andererseits ihre Vertreibung aus der Heimat.

Zum anderen atmet The Man Who Cried durchaus eine lebendige Atmosphäre aus, die auf die hervorragende Arbeit der Schauspieler zurückzuführen ist. Johnny Depp etwa, der den wortkargen und ebenso heimatlosen Zigeuner Cesar mit einer eindringlichen Präsenz spielt, und Cate Blanchett, die als ständig plaudernde und sich doch nie wahrhaftig äußernde Zimmergenossin Suzies ein angenehm leichtes Gegengewicht zur schwermütigen Beobachterin Suzie schafft. Der kleinen Claudia Lander-Duke nehme ich stehenden Fußes ab, wie aus der russischen Fegele die englische Suzie wird, die sich einzig über ihren Gesang im fremden Land Gehör verschafft, und somit ist es fast schade, daß Suzie erwachsen wird und Christina Ricci sich fortan durchs Leben und nach Paris singt. Suzie steht im Zentrum der Geschichte, und demnach verwundert es sehr, wie wenig Mühe sich Potter mit ihrer Protagonistin gibt. Hätte Potter ihrer Hauptdarstellerin mehr Luft zum Atmen gelassen, hätte Ricci den Film eventuell noch retten können; sie ist jedoch mit solcher Zurückhaltung inszeniert, daß Riccis singende Stumme ins Klischeehafte abzusinken droht.

So hat Sally Potter einen Film geschaffen, der kein übliches Zweiter-Weltkrieg-Drama sein will, jedoch einzig diesem Anspruch gerecht wird und sich letztlich in Tränendrückerei verliert; um so ärgerlicher deshalb das seichte Ende, denn als Suzie ausgerechnet in Hollywood endlich die Hand des verlorenengeglaubten Vaters nimmt und ihm auf dem Sterbebett das längst vergessene jiddische Kinderlied singt, kommen zwar die Tränen hoch, werden aber aus lauter Trotz heruntergeschluckt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap