— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

In den Süden

Vers le sud. F/CDN 2005. R: Laurent Cantet. B: Laurent Cantet, Robin Campillo. K: Pierre Milon. S: Robin Campillo. P: Haut et Court, Les Films Seville, France 3 Cinema, StudioCanal. D: Louise Portal, Charlotte Rampling, Karen Young u.a.
108 Min. Alamode ab 28.9.06

Trügerische Idylle

Von Arezou Khoschnam Feiner Sandstrand, gesäumt von unzähligen Palmen, traumhafter Sonnenuntergang, karibische Klänge. Das klingt nach der gemeinhin üblichen Vorstellung eines Europäers von einem exotischen Urlaub und damit sehr verheißungsvoll. Dennoch will beim irritierten Zuschauer kein richtiges Urlaubsgefühl aufkommen. Die schwelgerische Szenerie zeigt eine erwachsene Frau, die eng umschlungen mit einem halbwüchsigen Jungen tanzt. Zu ungewöhnlich ist die dargestellte Situation, als daß der Zuschauer sie ignorieren könnte. Der offensichtlich viel zu große Altersunterschied zwischen der US-Amerikanerin und dem schwarzen Jungen erregt Anstoß und irgendwie auch Ekel.

Wir befinden uns auf Haiti, auf der diktatorisch regierten und von Putschversuchen gebeutelten Antilleninsel Ende der 1970er Jahre. »Hier ist alles anders!«, hören wir die drei Amerikanerinnen Brenda, Ellen und Sue immer wieder sagen. Eine Art Selbstrechtfertigung für ein Handeln, das in der Heimat nicht denkbar wäre. Auf Haiti ist dieses Bild dagegen keine Seltenheit. Im Gegenteil. Solche Konstellationen sind Bestandteil der Tourismusindustrie. Ein scheinbar harmloses Geschäft, bei dem auf beiden Seiten die Sehnsucht nach mehr Lebensqualität als Einsatz dient. Die Sehnsucht der Urlauberinnen nach etwas Neuem, etwas Anderem als dem gewohnten Tagesablauf – meistens ist es einfach die Sehnsucht nach Liebe – und die Sehnsucht der Einheimischen nach einem gesicherten Leben, nach finanzieller Stabilität fusionieren zu einem fast unvermeidbaren Unternehmen.

Aber Vers le sud thematisiert viel mehr als nur den Sextourismus hinter der Postkartenidylle, der hier zur Abwechslung in vertauschten Geschlechterrollen anzutreffen ist. Laurent Cantets fantastisch aufgebauter Film ist vor allem eine einfühlsame Psychostudie, die durch ihre originelle Erzählstruktur besticht.
Aus unterschiedlichen Perspektiven läßt der Regisseur vor allem seine Hauptdarstellerinnen zu Wort kommen. Der Kamera zugewandt, geben die drei Frauen ihr Innerstes preis. Die Situation erinnert ein wenig an eine Therapiesitzung. Durch die Verwendung dieser fast dokumentarischen Sequenzen gibt uns der Regisseur die Gelegenheit, jede einzelne der Figuren besser zu verstehen, ohne dabei unseren kritischen Blick aufzugeben.

Seine politische Dimension erhält das französische Drama mit dem 18jährigen Legba, dem charismatischen Jungen, in den sich sowohl Brenda als auch Ellen verguckt haben. Er bietet den Damen eine private Betreuung all inclusive, die ihren Preis hat. Er hat scheinbar keine andere Wahl, als ein Leben auf Berechnung zu führen. Wohl wissend, daß auf Haiti die Willkürherrschaft an der Macht ist und die Kriminalität ihre eigenen Gesetze schreibt, ist Legba bei jedem seiner Schritte und Worte auf der Hut. Dieses notgedrungene Schweigen macht Cantet auf stilistischer Ebene deutlich, indem er Legba – im Gegensatz zu den Frauen – keine Stimme gibt, ihn nicht in einem Monolog zu uns sprechen läßt. Albert – er arbeitet in der Ferienanlage – bildet hier eine Ausnahme. Gleich zu Beginn des Films steht er im Mittelpunkt, obwohl er im weiteren Verlauf deutlich eine Randfigur darstellt. Durch das Ablehnen der Bitte einer ihm fremden Frau, sich ihrer 15jährigen Tochter anzunehmen, sie sozusagen zu seiner Frau zu machen, widersetzt er sich dem Kreislauf aus indirekter Unterdrückung.

Mit kompositorischer Raffinesse inszeniert der Regisseur einen Film über Selbstlüge und Illusion, sowie über das Alter und wie wir damit umgehen. In atmosphärischen Bildern, die die Schönheit der Karibik wiedergeben, verdichtet er die perspektivischen Fragmente nahtlos zu einem Film, der uns seine Botschaft nicht aufdrängt, sondern Raum für eigene Überlegungen gibt. Bevor der Abspann – von Meeresrauschen begleitet – diesen Film vor den Augen des Zuschauers beendet, erfährt dieser von Brendas Plänen: Es gibt noch viele Antilleninseln, die sie bereisen will. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap