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In America

IRL/GB 2002. R,B: Jim Sheridan. K: Declan Quinn. S: Naomi Geraghty. P: Hell's Kitchen Production. D: Samantha Morton, Paddy Considine, Djimon Hounsou, Sarah Bolger, Emma Bolger u.a.
105 Min. FoxFilm ab 11.12.03

Seifenblasenoase

Von Maxi Braun Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Amerikanische Traum ist nach wie vor eine äußerst lebendige Illusion, und nirgends kann man so schnell vom Tellerwäscher zum Millionär mutieren wie in New York. Jeder, der einmal als Tourist durch den Central Park spazierte, er ein Teil der Menschenmassen auf dem Times Square war, kennt dieses Gefühl schierer Überwältigung.

Doch die Neonreklame verblaßt, und das Licht geht aus. Wohnt man erst in einer Metropole, muß man sich in ihr behaupten und sich vorsehen, nicht von ihr gefressen zu werden. Man ist nicht Millionär, sondern bettelt um einen Job als Tellerwäscher, um wenigstens die Miete zahlen zu können. Dabei müssen sich John und Sarah Sullivan nicht nur um sich selbst, sondern vor allen Dingen um ihre beiden Töchter kümmern, nachdem sie von Kanada nach Manhatten gezogen sind. Junkies übernachten im Treppenhaus, und auch hübsch bunt gestrichene Wände verwandeln das marode Apartment nicht in ein Penthouse. Doch nicht die Armut nagt an der seifenblasenartigen Oase inmitten des Molochs.

Die Sullivans sind nicht hierher gekommen, um etwas zu gewinnen; sie sind vor der Erinnerung geflohen. Christy, ihre älteste Tochter, ist die Einzige, die mit ihrem Camcorder gegen das Vergessen ankämpft. Mit diesem fängt sie das Leben ein und hält es fest aus Angst, es könnte ihr wieder verloren gehen. Sarahs erneute Schwangerschaft voller – natürlich! – Komplikationen droht die Familie zu zerreißen, und das Schicksal bzw. Autor und Regisseur Jim Sheridan geht nicht gerade zimperlich mit ihnen um.

Die Story von In America ist insgesamt arg dick aufgetragen, und ich hoffe nur, Sheridan hat eine üppige Fete geschmissen, um sich bei seinen Darstellern dafür zu bedanken, daß sein Independent-Film nicht in Sturzbächen aus Tränen absäuft. Samantha Morton, die Tom Cruise einst als elegisches Orakel durch die letzte halbe Stunde von Minority Report schleppen mußte, und Paddy Considine wühlen sich irgendwie aus Kitsch und Schnulz heraus und überzeugen als Ehepaar am Abgrund der eigenen Verzweiflung. Geschickt auch die Entscheidung, die 10jährige Christy (Sarah Bolger) als Erzählerin fungieren zu lassen. Ihre kindlich-naive Ehrlichkeit sorgt für die dringend benötigte Nüchternheit – ihre ins Surreale gleitenden Camcorder-Aufnahmen verleihen In America paradoxerweise Realismus.

Dieses Eltern/Kind-Quartett hätte auch ohne Djimon Hounsou bewegt und berührt, der als geheimnisvoller Wohltäter und ominöser Happy-End-Stifter im Grunde völlig überflüssig ist. 1970-01-01 01:00
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