— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Champions

D 1998-2003. R,K: Christoph Hübner. S,P: Gabriele Voss.
129 Min. Real Fiction ab 10.7.03

Im Westen ging die Sonne auf

D 2002. R,P: Wolfgang Ettlich. K: Hans Albrecht Lusznat. S: Mathias Meyer. M: Dieter Schleip.
90 Min.

Gib mich die Kirsche

Von Mark Stöhr Als Schalke 1997 den UEFA-Cup gewann und Dortmund die Champions League, war selbst Franz Beckenbauer klar: »Das Herz des Fußballs schlägt im Ruhrgebiet«. Zwei neue Dokumentarfilme versuchen sich am Phänomen Revierfußball und gehen dabei ganz unterschiedliche Wege.

Zunächst einmal heißt es Danke sagen. Dem VfL Bochum Danke sagen für eine fabelhafte Saison. Gleich vier Superlative schlugen in diesem Jahr zu Buche: Der VfL war der beste Aufsteiger (9. Platz) mit dem besten Torjäger (21 Tore) und dem besten Torhüter (Kicker-Durchschnittsnote 2,66). Außerdem nennt er einen Trainer sein eigen – Peter »Darf ich rauchen?«-»Is' Pflicht!« Neururer – mit dem mutigsten Retro-Outfit an Haupt und Beinen (1982-85). Von Neururer stammt auch ein Leitsatz, der aus der modernen Fußball-Lehre nicht mehr wegzudenken ist: »Der Genuß von Zuckerlimonade beeinträchtigt die Trainingsadaption.« Es hätte nicht besser laufen können vergangene Spielzeit. Schalke verpaßte einen direkten UEFA-Cup-Platz und wird – so Gott will – in der ersten Qualifikationsrunde an KF Partizani Tirana oder den Shamrock Rovers scheitern; Dortmunds wahrlich überschätzte Söldnertruppe ließ sich am letzten Spieltag von Absteiger Cottbus vorführen und muß um die Teilnahme an der Champions League bangen. Großartig. Wunderbar. Ein Fest.

In den Reihen von Dortmund befindet sich auch ein junger Spieler, der – läßt er sich nicht bald z.B. an Bochum ausleihen – als eines der vielen ewigen Talente in die traurigen Annalen der Regionalliga Nord eingehen wird: Francis Bugri. Sein von großen Erwartungen begleiteter Aufstieg von der A-Jugend in den Profikader wurde jäh gestoppt, als sich die Vereinsführung dazu entschloß, den millionenteuren Tomás Rosicky für seine Position einzukaufen. Er ist in Christoph Hübners und Gabriele Voss' Langzeit-Doku Die Champions über weite Strecken der positive Held, der mit eiserner Disziplin und zielstrebiger Weitsicht seine privaten Bedürfnisse ganz dem Traum vom Profifußball unterordnet. Das unterscheidet ihn von den drei anderen Nachwuchsspielern, deren Laufbahn seit dem gemeinsamen Start in der A-Jugend des BVB weitaus kurvenreicher ist: Der Ghanaer Mohammed Abdulai legt lieber seinen Gebetsteppich in Richtung Mekka aus, als im Kraftraum die Eisen zu biegen, der Chilene Claudio Chavarria kauft sich vom ersten Geld einen Sportwagen und tritt mit seinem überschäumenden Temperament im Training auch schon einmal einem Kollegen die Knochen blutig, und Heiko Hesse liest einfach zu viel, um konsequent die rechte Außenbahn dicht zu machen.

Der Film liefert eindringliche Geschichten vom gnadenlosen Verdrängungswettbewerb im Fußballgeschäft und von der Einsamkeit junger, von den Talentscouts aus den hintersten Winkeln in die Fremde gelotster Ballartisten. Von Zuckerlimonade und Peitsche und davon, daß gut manchmal nicht gut genug ist. In der vielleicht bewegendsten Szene tritt Klaus auf. Auch einer, der in der Jugendmannschaft noch große Träume hatte, auch einer, der es nicht geschafft hat und jetzt im Versand die Trikots der Stars eintütet: »Ich war schlichtweg zu langsam.«

Es ist ein solides Stück dokumentarisches Ausdauerkino, das Hübner und Voss vorgelegt haben. In der besten Tradition des Direct Cinema geben sie Situationen Zeit, sich zu entwickeln. Die Dramaturgie wird bestimmt vom Lauf der Dinge. Einzig die in Wildenhahnscher Vehemenz eingesetzten Schrifttafeln mögen da störend wirken. Über eine vertretbare Funktion als Ort-, Zeit- und Handlungs-Marker bisweilen weit hinausgehend, leisten sie den Bildern eine diskursive Hilfestellung, die diese gar nicht nötig haben.

Im Ruhrgebiet erzählt man gerne von früher, weil sich das Heute und Morgen mitunter so eisig anfühlt. Die Legende vom Malocher im Schacht und auf dem Rasen hat da seinen festen Platz. Im Westen ging die Sonne auf von Wolfgang Ettlich strickt kräftig am nostalgischen Geschichtsbild einer Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg, als das enge Miteinander von Zechen und Fußballclubs noch zu glorreichen Erfolgen führte. Heute dritt- und viertklassige Mannschaften wie die Sportfreunde Katernberg oder die Spielvereinigung Erkenschwick kehren ins Gedächtnis zurück, ebenso damals veritable Stars wie Willi »Ente« Lippens oder Hans Tilkowski. Da wird munter fabuliert, lamentiert und geklönt. Auch Kameramann Hans Albrecht Lusznat muß sich zwischendurch das eine oder andere Pilsken genehmigt haben. Anders ist es kaum zu erklären, daß ihm ein ums andere Mal ein Protagonist aus dem Kader entwischt oder fragmentiert vor die Linse läuft. Es sei ihm gegönnt. Deswegen von hier aus Glück auf! und nachträglich Prost. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap