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Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin

D 2001. R,B: André Heller, Othmar Schmiderer. K: Othmar Schmiderer. S: Daniel Pöhacker. P: Danny Krausz, Kurt Stocker.
90 Min. Piffl Medien ab 2.5.02
Von Mark Stöhr »So anekdotenhaft, so banal« sei das, was sie da erzähle, sagt Traudl Junge, Hitlers letzte Sekretärin. Sie sitzt vor einem Videomonitor und sieht sich selbst beim Sprechen zu, gleich einer Tauben die Lippen leicht bewegend, als lese sie noch einmal ihre eigenen Worte Korrektur. Das Einziehen dieser Meta-Ebene ist die einzige Intervention, die sich André Heller und Othmar Schmiderer in ihrer ansonsten streng chronistischen Gesprächsdokumentation Im toten Winkel erlauben.

Es ist aber diese kurze Sequenz, die den ganzen Film einem schweren Verdacht aussetzt: daß Junges schon im Erzählstrom auftauchenden Distanzierungen, in denen sie immer wieder ihre damalige offene Sympathie für Hitler selbstkritisch von außen betrachtet und beklagt, mal wieder nicht ausreichen, sondern daß die Betrachter noch zusätzlich einer auktorialen Instanz bedürfen, die sich komplizenhaft mit ihnen über das Unerhörte des Gesagten verständigt. Wie unmündigen, leicht verführbaren Geschichtslegasthenikern, die vom Über-Ich der offiziellen NS-Exegese auf dem Boden des Grundgesetzes gehalten werden müßten.

Man fühlt sich dabei sofort an den Sturm der Empörung über Romuald Karmakars Das Himmler-Projekt erinnert, der es wagte, eine Rede von Heinrich Himmler unbearbeitet und im nüchternen Duktus eines Unternehmensberichts vortragen zu lassen: Keine Aufführung ohne begleitendes Expertenpodium, keine Fernsehausstrahlung ohne historische Belehrung und ideologischen Fahnenappell. Daß ein Film wie Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914-1975 von Hans-Jürgen Syberberg, in dem Winifred Wagner, Richard Wagners Schwiegertochter, fröhlich drauflos parliert, wie nett sie es immer noch fände, wenn der Hitler jetzt zur Tür hereinkäme, daß ein solcher Film vor 25 Jahren zu einem handfesten Skandal führte, mag sehr gut nachvollziebar sein. Die sogenannte »Vergangenheitsbewältigung« ist inzwischen jedoch erwachsen geworden und die ritualisierte Forderung, sich über grundsätzliche Stereotypen des Grauens auszutauschen, unnötig und ermüdend.

Es ist »anekdotenhaft« und »banal«, was die kürzlich verstorbene Traudl Junge erzählt. Aber gerade das macht Im toten Winkel zu einem wertvollen Dokument der NS-Retrospektive. Sie war ein 22jähriges Mädchen, als sie 1942 in der »Wolfsschanze« als Sekretärin zu arbeiten begann, Hitler noch der unumstrittene Popstar. »Er hatte gar nichts Zackiges, gar nichts Scharfes. Kein Hitlergruß, nichts. Er wirkte wie ein netter älterer Herr«, sagt sie. Sie setzt ihre Worte präzise und konzentriert, in der Abgeklärtheit jahrzehntelanger Auseinandersetzung, die in einem harten Kontrast zu ihrer damaligen Naivität steht. Hitler wird auch noch nach dem Umzug in den Berliner Führerbunker für sie die Rolle eines fürsorglichen Vaters spielen, nur so ist ihre abgrundtiefe Enttäuschung zu verstehen, als er sich Ende April '45 erschießt: »Wissen Sie, ich habe einen Haß empfunden gegen Hitler, weil er uns so im Stich gelassen hat, einen ganz persönlichen Haß, weil er einfach abgehauen ist und uns in dieser Mausefalle hat sitzen lassen.«

Plastisch beschreibt sie die klaustrophobische und apokalyptische Atmosphäre der letzten Monate im Bunker, als Hitler nur noch mit ihr und den anderen Sekretärinnen zu Tisch gehen wollte, dort von Politik nicht mehr die Rede sein durfte und nur noch über verschiedene Selbstmordmethoden gesprochen wurde; als er seinen Hund vergiften ließ, weil er an der Wirksamkeit der Zyankali-Kapseln zweifelte, und der Blausäuregestank bis in die letzten Ritzen drang, oder sie sein »Vermächtnis« in die Schreibmaschine tippte. »Ich lebte an der Quelle der Ereignisse, aber ich saß im toten Winkel«, sagt sie im Rückblick. Und an anderer Stelle: »Er war ein Verbrecher, ich hab's nur nicht gemerkt.« Man glaubt ihr das und will ihr keinen Vorwurf mehr machen. 1970-01-01 01:00

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