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Im Schwitzkasten

D 2005. R,B,S: Eoin Moore. B: Jens Köster, Sven Poser. K: Bernd Löhr. S: Antje Zynga. M: Warner Poland. P: Moneypenny. D: Edgar Selge, Andreas Schmidt, Laura Tonke, Steffi Kühnert, Christian Paul, Thorsten Merten, Gabriela Maria Schmeide u.a.
97 Min. Alamode ab 30.3.06

Das Leben verschwitzt

Von Oliver Baumgarten Arbeitslose in der Sauna: Noch nie wurde so deutlich, daß der arbeitende Mensch ein Auslaufmodell ist. Denn schweißtreibend ist allein die Freizeitbeschäftigung der munteren Schar, die sich in Eoin Moores neuem Film regelmäßig im »Schwitzkasten« trifft, einer hübsch altmodischen Berliner Sauna, wo noch der Chef selbst den Aufguß besorgt. Jeder der gut ein Dutzend Figuren schlägt sich tapfer durchs Leben, und geprägt vom Verlust an Sicherheit läßt man dann um so leichter auch noch das letzte Hemd fallen. Nackt sind schließlich alle gleich – was natürlich genauso blödsinnig ist wie ein Wahlversprechen auf Vollbeschäftigung. Aber es beruhigt.

Eoin Moore schickt ein fabelhaftes Ensemble in seinen »Schwitzkasten«. Edgar Selge etwa, seit Jahren einer der interessantesten Köpfe im deutschen Film, gibt eine treffende Interpretation des neureich angeheirateten Intellektuellen, der sich in der neuen Oberklasse gefällt, aber fairneßhalber den Kontakt zur Basis nicht verlieren mag. Wunderbar auch Laura Tonke, die der Wankelmütigkeit einer Studentin zwischen solider Familiengründung und der Entwicklungshilfe in Afrika eine ehrliche Komik abgewinnt, weil sie sich aus der Figur heraus entwickelt und nicht drübergestülpt scheint. Schließlich Steffi Kühnert (übrigens eine von dreiviertel des Halbe Treppe-Ensembles, das Moore hier versammelt), deren Vertreterin in derart verzweifelter Penetranz ihre Produkte an das Gegenüber zu bringen versucht, daß sie sich schon bald sehr einsam fühlt. Eoin Moore gestaltet seinen Figurenreigen glücklicherweise nicht aufdringlich parabelhaft als Mikrokosmos der Gesellschaft. Vielmehr gibt er, oder besser: geben die Schauspieler (Moore drehte nach bewährtem Halbimprovisationsstil) ihren Figuren viel Platz für individuelle Ticks und Macken, was vermutlich erst zur Leichtigkeit des Films führt. Und so ist Im Schwitzkasten eine streckenweise äußerst amüsante, weil unverkrampfte Posse geworden über die Beschwerlichkeit des Seins in einem verkaterten Deutschland. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #41.
© 2012, Schnitt Online

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