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Im Juli

D 2000. R,B: Fatih Akin. K: Pierre Aïm. S: Andrew Bird. M: Ulrich Kodjo Wendt. P: Wüste Filmproduktion. D: Moritz Bleibtreu, Christiane Paul u.a.
110 Min. Senator ab 24.8.00

Märchen

Von Matthias Grimm »Die Wahrheit für sich selbst sprechen zu lassen« ist ein Unterfangen, das nicht nur ebenso naiv wie unglaubwürdig, sondern nach Niklas Luhmann auch unmöglich ist, da die Realität – und damit jene, eben nicht existente, Wahrheit – im Zuge der medialen Reproduktion zwangsweise konstruiert wird. Nichtsdestotrotz werde ich versuchen, eben diese – im vorliegenden Falle also das Presseheft – zu Wort kommen zu lassen, um meinen – selbstverständlich rein subjektiven – Eindruck von Im Juli wiederzugeben.

Zunächst wäre da einmal die Hauptfigur: Daniel, und »so uncool wie Daniel kann man eigentlich gar nicht sein. Super-spießig und total verklemmt, mit Bundfaltenhose und Polo-Shirt. So einer, der jeden Sonntag brav bei Mama frühstückt.«

Boy allein wäre langweilig, deswegen trifft auch dieser boy sein girl: Juli, die »flippige Schmuckverkäuferin«. Adjektive, lernt man irgendwann in Literaturkursen, sind – oder sollten zumindest sein – rote Tücher für Schriftsteller, da sie Figuren und Objekte als Stereotypen denotieren, was wiederum für die narrative Struktur der Erzählung als Armutszeignis gedeutet werden kann. Im Juli strotzt metaphorisch vor Adjektiven. Wer in Osteuropa kein Auto hat, klaut sich einfach eins, und daß jemand, der in Jugoslawien mit »geheimnisvollen und schönen« Frauen trampt, ausgeraubt wird, ist so selbstverständlich, daß auch dafür ein ebenso geläufiger wie abgegriffener Begriff existiert: Klischee.

Ob Im Juli ein europäischer Film sei, wird Moritz Bleibtreu im Interview gefragt. »Ja, absolut«, ist die Antwort, doch unterschreiben würde ich das nicht. Zunächst einmal ist Im Juli »ein wildes, komisches, action-geladenes Multikulti-, vor allem aber hemmungslos romantisches Road Movie«, Genre-Kino also, was ursprünglich ja eine amerikanische Erscheinung ist, doch warum sollte das nicht auch bei uns funktionieren? Der Zweifel regt sich in mir, weil Europa hier inszeniert wird, wie es die Amerikaner wahrscheinlich tun würden, die in Disneyland immer noch Deutsche in Lederhosen um Maibäume tanzen lassen: die Ungarn klauen nun mal, und Türken sind sowieso Verbrecher.

Daß die »Figuren immer im Leben stehen und authentisch sind«, mag angesichts des Simplicissimus der Charakterentwicklung (am Ende »erkennt er, daß es mehr gibt im Leben als dröge Physikformeln.«) als Gegenpol zum Neo-Realismus und Bestätigung von Luhmanns These gelten: am Ende macht sich jeder die Wirklichkeit selbst. Schließlich sind Träume immer die beste Realität – das hat auch Regisseur Fatih Akin erkannt und bezeichnet seinen Film gleich als »Märchen«, irgendwo »zwischen Poesie und Kitsch«. Dies wiederum sei dem Film, und exemplarisch dem deutschen Kino im Speziellen, anzurechnen, da er mit dem schonungslosen Bekennen zur Romantik Mut beweist und in der gelegentlich perfekten Symbiose der beiden seine stärksten Szenen entwickelt. »In Kurz und Schmerzlos ging es um Realität, in Im Juli um Illusion. Ich will […] ein kommerzieller Filmemacher sein.« Und da spricht sie nun endlich, die Wahrheit, ganz für sich allein. 1970-01-01 01:00

Medien

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