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Im Augenblick des Todes

Unforgettable. USA 1995. R: John Dahl. B: Bill Geddie. K: Jeffrey Jur. S: Eric L. Beason, Scott Chestnut. M: Christopher Young. D: Ray Liotta, Linda Fiorentino, Peter Coyote, David Paymer, Kim Cattrall u.a.
93 Min. CI ab 8.8.96

Inside Out

John Dahls unvergeßliche Höllenfahrt in die Welt der Erinnerung

Von Dirk Steinkühler Unforgettable, that's what you are.

Für Dr. David Krane (Ray Liotta) wird seine Frau Mary (Stellina Rusich) unvergeßlich bleiben. Trotz diverser ehelicher Auseinandersetzungen beteuert er, sie immer geliebt zu haben. Jetzt lebt Mary nur noch in seiner Erinnerung, denn sie wurde kaltblütig in ihrem gemeinsamen Haus ermordet. Krane galt als Hauptverdächtiger, und der Prozeß gegen ihn mußte nur wegen eines Verfahrensfehlers eingestellt werden. Seine Reue über verschenkte Augenblicke, die er mit seiner Frau durch Streit oder Abwesenheit vergeudet hat, und das Verlangen, ihren wirklichen Mörder zu finden, bestimmen das Handeln des geschätzten Gerichtsmediziners. Da Kollegen (David Paymer, Peter Coyote) ihn bereits bis zum äußersten unterstützt haben, eröffnen ihm nun die Forschungen der Neurobiologin Dr. Martha Briggs (Linda Fiorentino) neue Möglichkeiten. Sie lokalisiert den Ort, der die unvergeßlichen Erlebnisse speichert und entwickelt eine Spezialflüssigkeit, mit der eine Übertragung von Erinnerungen aus einem lebenden oder toten Organismus in einen anderen Körper möglich wäre. Die Methode ist weder ausgereift noch getestet, doch sieht Dr. Krane in ihr die Chance, durch den Transfer von Marys Erinnerung ihren Mörder erkennen zu können.

Unforgettable, so near or far.

Dem Zuschauer mag das Experiment theoretisch und utopisch vorkommen, doch was wird zukünftig noch unmöglich sein? Regisseur John Dahl, der seinen neuen Film im Februar auf der Berlinale als Weltpremiere präsentierte, wollte in erster Linie auf die Probleme und Gefahren der immer schneller fortschreitenden Wissenschaft aufmerksam machen und keinen weiteren »Whodunit«-Thriller drehen. Er griff ein Drehbuch des Fachjournalisten Bill Geddie auf und rückte die Szenen in den Vordergrund, die das Ausmaß des Experimentes zeigen. Es sind die Sequenzen, in denen Dr. Krane die Erinnerungen vor Augen geführt werden, wobei der Zuschauer seine Visionen durch die konsequente Umsetzung der Alpträume in Bilder hautnah miterleben kann. Dahl schickt sie auf eine visuelle Achterbahnfahrt, die durch hohes Schnittempo und grelle Effekte besticht. Seine perfekte Inszenierung überwindet spielend die Distanz zum Zuschauer, der sich der Wucht der Bilder kaum entziehen kann. Eine Flut der Gewalt, des Schmerzes, der Todesangst und sinnlicher Reize prasselt auf alle Beteiligten nieder. Adrenalinsteigernd kommt hinzu, daß Krane den entscheidenden Punkt in Marys Erinnerungen erst nach mehrmaliger Wiederholung des Experiments erreicht. Jeder Versuch schwächt seine physische Kraft und wirft ihn auch Stunden nach jedem Experiment in seine aufgefüllten seelischen Abgründe zurück. Man mag Dahls effektvolle Inszenierung als plakativ abwerten, doch verfehlt sie ihre Wirkung nicht. Wann werden die Qualen den Wissensdurst und die Neugierde besiegen?

Like a song of love that clings to me.

Symptomatisch für die emotionale Berg- und Talfahrt des Protagonisten ist John Dahls Musikeinsatz. Zunächst bestimmt Christopher Youngs düsterer Score die Szenerie; melancholische Ruhepausen sind selten. Die Musik bildet das adäquate Gegenstück zu David Kranes labilem Zustand. Sein song of love, die Erinnerung an glückliche Momente mit seiner Frau, wird immer wieder von dem grauenhaften Ausmaß der Tat und dem ungebändigten Drang nach Aufklärung des Mordes getrübt. Erst diese Gewißheit kann es ihm wieder ermöglichen, sich den beruhigenden Klängen einer Ballade hinzugeben. Bis dahin hetzt das Bild die Musik. John Dahl liebt Rock'n'Roll und mag schnelle Videoclips, die alle technischen Möglichkeiten voll ausschöpfen, um das Tempo zu steigern. Für ihn gehört zu einem fetzigen Song ein schnelles Video, genauso wie zu der Umsetzung eines spannenden Drehbuchs oder einer temporeichen Szene schnelle Musikrhythmen. Dementsprechend suchte er den Soundtrack für einige Szenen aus, wobei Christopher Young mühelos den rasanten Score für die Erinnerungssequenzen ergänzte. Die Musik und der geschickte Einsatz der Montage beschleunigen den Sog der Bilder, der uns immer tiefer in die Abgründe der menschlichen Seele zieht.

Never before has someone been more unforgettable.

Mit The Last Seduction schuf John Dahl 1993 den Prototyp einer modernen femme fatale und verankerte ihre Darstellerin Linda Fiorentino tief im Bewußtsein des Zuschauers. Niemand hat seitdem den Männern geschickter den Kopf verdreht als sie. Erfolgreich etablierte Muster werden leider immer wieder gerne aufgenommen, dabei kann sich der Zuschauer doch mehrmals an der perfekten Urversion ergötzen. Nachdem sie kurzzeitig die Seiten wechselte und in der Fernsehproduktion Bodily Harm eine Polizistin mimte, mußte Fiorentino in William Friedkins reißerischem Flop Jade erneut eine femme fatale spielen. Dabei scheiterte sie prompt an der unglaubwürdigen Verbindung ihres Images mit der Rolle der Psychologin. In Unforgettable ist sie nur noch Wissenschaftlerin und deutlich gegen ihr Image als Verführerin besetzt; ein Wunsch, den Fiorentino selber äußerte und Dahl ohne Zögern erfüllte. Sie enttäuscht ihren Regisseur nicht und spielt überzeugend gegen die Erwartungen des Publikums an, indem sie vor ihren Augen das Bild einer sensiblen, aber selbstbewußten Biologin entwirft. Martha Briggs verführt nicht einmal Dr. Krane zum Experiment mit dem Serum, sondern warnt frühzeitig vor den möglicherweise tödlichen Folgen.

Das Erstaunlichste an Linda Fiorentinos und Ray Liottas Leistung ist allerdings die enorme Leidensfähigkeit, die Briggs Verständnis und Kranes Wahn zum Ausdruck bringen. Selten sah der Kinozuschauer einen verzweifelteren Menschen als den zerrissenen Charakter des Dr. Krane. Und so leiden wir gemeinsam, bis am Ende Nat King Coles »Unforgettable« wie eine Erlösung klingt.

Unforgettable, in every way! 1970-01-01 01:00

Abdruck

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