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Idioten

Idioterne. DK 1998. R,B,K: Lars von Trier. S: Molly Malene Stensgaard. D: Bodil Jorgensen, Jens Albinus, Louise Hassing, Troels Lyby u.a.
117 Min. Arthaus ab 22.4.99
Von Oliver Baumgarten Daß das »Dogma 95« nicht allzu ernst genommen werden darf, sollte nach dem ersten Beitrag, Thomas Vinterbergs Amateurvideo Das Fest, klar geworden sein. Die auferlegte Hinwendung zur »Chastity«, zur keuschen Strenge eines filmischen Purismus, führt bereits dort in eine künstlerische Sackgasse. Mag der Eindruck des Hobbyfilmens noch einer scharfen Beobachtungsgabe entsprechen, so muß die angesprochene Authentizität sicherlich differenzierter betrachtet werden. Der Versuch einer Reduktion des Formalen führt im Fest, und nicht weniger in Idioten, zum genauen Gegenteil dessen, was er zu erreichen sucht.

Zumindest handwerklicher Dilettantismus, das beweist nun Lars von Triers Idioten, gehört nicht zum Dogmen-Katalog, wie es nach Vinterbergs Das Fest zunächst den Anschein hatte. Mit technischem Geschick und einer Reihe überzeugender Darsteller entwickelt Trier die Geschichte einer Gruppe vom Leben Verwöhnter, die teils aus eingebildetem therapeutischen Selbstzweck, teils aus Langeweile vorgeben, geistig behindert zu sein. Das Authentizitätsversprechen soll auch hier u.a. der ausschließliche Einsatz der Handkamera geben. Und so wird bei Dogma derart beharrlich geschwenkt, gewackelt und gezittert, daß sich alles andere einstellt, als ein Gefühl cinematographischer Ursprünglichkeit oder gar Natürlichkeit.

Der fast schon Brechtsche Zwang zum Brechen der Illusion führt Trier zum reichlich aufgesetzt wirkenden Kniff, im Laufe des Films ganz zufällig die halbe Crew ins Bild zu schubsen: hier der Tonassi mit Angel, dort der Kameramann in diversen Spiegelbildern. Die Story (der muß raus:) ist idiotisch, aber politisch ausgesprochen unkorrekt. Den Wunsch, seinen inneren Bekloppten auszuleben, kombiniert Trier mit durchtriebener Schockierlust und dänischer Freizügigkeit.

Eines ist sicher, der »Dogma«-Hype wird vorübergehen und in zehn Jahren vergessen sein. Denn innovativ, das ist »Dogma 95« nicht – und zeitlos erst gar nicht. Das waren schon eher Monty Python, die bereits vor knapp 30 Jahren wußten: It's nice to be an idiot. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #14.
© 2012, Schnitt Online

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