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Identity Kills

D 2003. R: Sören Voigt. K: Markus Stein. S: Gergana Voigt. M: Jonny Blender, Hannes Bieger, Markus Trockel. P: Living Films. D: Brigitte Hobmeier, Mareike Alscher, Daniel Lommatzsch, Julia Blankenburg, Nicole Krämer, Wicky Kalaitzi, Cay Helmich u.a.
81 Min. Exit Films ab 11.3.04

Taking Life

Von Frank Brenner Sören Voigts zweiter Langspielfilm (nach Tolle Lage) hatte mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, bis er realisiert werden konnte. Voigt, der beim Inszenieren gerne dokumentarisch arbeitet, wollte seiner Story, die auf realen Figuren und tatsächlichen Begebenheiten beruht, einen möglichst authentischen Look verleihen. Deswegen entschloß er sich dafür, ohne Drehbuch zu arbeiten und die jeweils nach einer groben Handlungsvorgabe improvisierenden Schauspieler und Laiendarsteller auf unverfälschte Weise einzufangen. Nach dem gleichen Prinzip verfuhr auch Elmar Fischer mit seinem im letzten Jahr in die Kinos gekommenen Independentfilm Fremder Freund, der auf ähnliche Art ein beunruhigend realitätsnahes Szenario entwarf.

Ohne Drehbuch lassen sich in Deutschland jedoch kaum Finanzmittel für einen Film ohne Stars auftreiben, da Fernsehanstalten und Filmförderungen ein Drehbuch erwarten, damit auch gewährleistet ist, daß sie das zu sehen bekommen, was ihnen bereits Schwarz auf Weiß vorgelegt wurde.
Daß man auch ohne Drehbuch einen mitunter wesentlich besseren Film zu sehen bekommt als so manches mit Förderungen überhäufte niedergeschriebene Werk, beweist Identity Kills höchst eindrucksvoll. Wir sehen Momentaufnahmen aus dem Leben der jungen Karen, die von ihrem skrupellosen Freund ausgebeutet wird und beginnt, sich in Tagträume eines Urlaubs in der Dominikanischen Republik zu flüchten. Je mehr sie von Ben, den sie unverständlicherweise kurz darauf sogar heiratet, weiter gedemütigt wird, desto konkreter entwickelt sie einen Plan, sich ihrerseits ein Leben anzueignen, das ihr bessere Perspektiven verspricht als das erbärmliche eigene.

Brigitte Hobmeier, eine Filmdebütantin, die dem Regisseur in Peter Steins »Faust«-Ensemble aufgefallen war, besticht mit ihrem einnehmenden Talent in der enorme Wandlungsfähigkeit voraussetzenden Rolle der Karen. Zunächst das hilflose Mauerblümchen, das sich in sein Schicksal gefügt zu haben und keine Anstalten zu machen scheint, daraus auszubrechen, entwickelt sich Hobmeiers Figur im Laufe der Story immer mehr zu einer einfallsreichen und zunehmend selbstbewußten Frau, die bis in die schlußendliche Konsequenz hinein ihre Ziele verfolgt. Abgesehen von Daniel Lommatzsch, der ebenfalls eine klassische Schauspielausbildung genossen hat, werden alle anderen Rollen von Laien verkörpert, die sich zum Teil selbst oder ihrer eigenen Persönlichkeit recht ähnliche Figuren spielen. Zusammen mit einer Kameraführung, welche die alltäglichen Episoden der Figuren aus nächster Nähe einfängt und in ihrer Beiläufigkeit ebenfalls einen hohen Authentizitätswert ausstrahlt, addieren sich die Ansätze und Ideen Sören Voigts zu einem beängstigenden, unheimlichen Psychothriller, der keiner Stars, sondern lediglich Kinozuschauer bedarf! 1970-01-01 01:00
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