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Ich und du und alle, die wir kennen

Me and You and Everyone We Know. USA 2005. R,B,D: Miranda July. K: Chuy Chavez. S: Andrew Dickler, Charles Ireland. M: Michael Andrews. P: IFC Prods., FilmFour. D: John Hawkes, Ellen Geer, Brad Henke, Jordan Potter u.a.
90 Min. Celluloid Dreams ab 23.2.06

Sex, Schuhe und Videos

Von Daniel Bickermann Man kennt Filme über Videokünstler. Und man kennt Filme über Schuhverkäufer. Videokünstler sind meist nervig und sensibel, Schuhverkäufer drollig und irgendwie süß. Da diese Eigenschaften gegensätzlich funktionieren, vertragen sich der Videokünstler-Film und der Schuhverkäufer-Film eigentlich nicht so gut. Miranda July (die übrigens eine Videokünstlerin ist) allerdings war wahnsinnig genug, einen sympathischen kleinen und feinen Film zu drehen, der sich um eine Romanze zwischen einem Schuhverkäufer und einer Videokünstlerin dreht. Damit nicht genug – sie vertauscht auch noch die Rollen: Er ist derjenige, der sensibel und schwierig ist, und sie ist tapsig und drollig.

Filme über Kinder und Sex kennt man überhaupt nicht (zumindest außerhalb der horrenden Hirngeburten von Todd Solondz). Als dritten großen Schwerpunkt hat July dieses Thema kurzerhand noch mit zu den Schuhen und den Videos dazugepackt, und daß ihr Regiedebüt zu keinem Zeitpunkt unter all diesen kontrastiven Komponenten zu ersticken droht, sondern ganz im Gegenteil locker und sorglos wirkt und dabei dem Zuschauer ein angenehmes Gefühl des Schwebens vermittelt, liegt nicht nur an der träumerischen Musik von Michael Andrews, die den ganzen Film zusammenhält, sondern auch an der leichtfüßigen, furchtlosen Herangehensweise der Autorin an die Themen Videokunst, Schuhverkauf und Kindersex.

Und das sieht dann so aus: Der Schuhverkäufer (ein wunderbar zurückhaltender John Hawkes) ist charismatisch, poetisch und ein wenig traurig. Nach seiner Scheidung versichert er den Kindern erst, daß alles in Ordnung ist und zündet danach seine mit Benzin übergossene Hand an. Die Videokünstlerin (Miranda July selbst) schickt einer Galeristin ein Bewerbungsvideo, auf dem sie erst kitschige Urlaubspostkarten mit ebenso kitschigen Dialogen vertont und ihr Gegenüber schließlich mit hinreißenden Argumenten zum zivilen Unsinn anstachelt. Und während zwei frühreife Schulmädchen darüber nachdenken, ob ein vierzigjähriger Spinner vielleicht ganz okay wäre, um ihnen die Unschuld zu nehmen, verirrt sich ein zehnjähriger Junge in einen Internet-Chat, wo sich seine infantilen und wunderbar unschuldigen Pups-Ideen als die größtmögliche Perversion herausstellen.

Mit weit aufgerissenen Augen starrt July in diese Welt, und ganz ähnlich wie Zach Braff im geistesverwandten Garden State findet sie hinter jedem schmutzigen Tabu eine schöne Idee und eine Handvoll wunderbarer Bilder. Mit beschwingtem Gefühl und einem entrückten Lächeln verläßt man den Kinosaal und versteht, warum der Film auf allen Festivals von Sundance bis Cannes Jury- und Publikumspreise mitgenommen hat: Ich und du und alle, die wir kennen erlaubt es sich, eine Geschichte nicht in Hollywood-Manier kaputtzuerzählen, sondern gerade kryptisch genug zu bleiben, um den Figuren ein paar Geheimnisse zu lassen, die noch nach dem Kinobesuch einwirken können. Keines der Porträts ist zu Ende gemalt, aber alle wichtigen Striche sind gemacht, und dabei zuzusehen, wie sie mit leichter Hand auf die Leinwand geworfen werden, das ist eines der größten Vergnügen in diesem noch jungen Kinojahr. 1970-01-01 01:00
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