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Ich geh' nach Hause

Je rentre à la maison. F/P 2001. R,B: Manoel de Oliveira. K: Sabine Lancelin. S: Valerie Loiseleux. P: Madragoa Films. D: Michel Piccoli, John Malkovich, Catherine Deneuve, Sylvie Testud, Jean Koeltgen, Antoine Chappey u.a.
86 Min. OmU. Arsenal ab 20.12.01

Fest der Langsamkeit

Von Norbert Parzinger Piccoli spielt Gilbert Valence, Gilbert Valence spielt Ionesco: »Le Roi se Meurt«. Jeden Abend stirbt der König, und die Welt um ihn herum interessiert das schon lange nicht mehr. Diese Welt, in deren Mittelpunkt er einmal stand, die er einmal unter Kontrolle hatte – sie entgleitet ihm. Er erkennt sie nicht mehr wieder, er findet sich nicht mehr zurecht; es ist nicht mehr seine Welt.
Und eines Abends hat der Theaterschauspieler Valence selber das Gefühl, die Welt, wie er sie kennt, sei in Scherben zerfallen. Seine Frau, seine Tochter und sein Schwiegersohn, sagt man ihm, seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen; ihm bleibt nur noch sein Enkel Serge, um den er sich von nun an kümmern wird. Seine Paraderolle hat den alten Schauspieler eingeholt.

Piccoli, so heißt es, kann alles spielen. Er hat auch so gut wie alles gespielt in den letzten 50 Jahren, Konventionelles wie Bizarres, Gute und Böse, Kleinbürger und Intellektuelle, Enthemmte und Verklemmte, Hauptrollen in Filmen von Godard, Buñuel, Ferreri – nur eben selten die einzige Hauptrolle. Bekannt war er schon in den frühen 60er Jahren, ein Star im eigentlichen Sinne ist er heute noch nicht; auch die Filmpreiskomitees haben ihn üblicherweise nominiert, aber dann doch nicht ausgezeichnet (so erst Anfang Dezember wieder die European Film Academy für Ich geh' nach Hause). Von Anfang an stand er immer ein bißchen im Schatten seiner berühmteren Partner, und gerade diese Abseitsposition hat er schon früh zu seiner größten Stärke gemacht: Wer nicht in einer der gängigen Schubladen festsitzt, braucht keine Energien darauf verschwenden, sich aus ihr zu befreien. Michel Piccolis Energie steckt in jedem einzelnen der vielen hundert Charaktere, die er in seinem Leben dargestellt hat; er ist einer der wenigen Schauspieler, die jede einzelne ihrer Rollen nicht nur spielen, sondern mit Leib und Seele sind. »Routinier« wäre eine Beleidigung.

Riskant insofern zu behaupten, Piccoli spiele diesmal sich selbst. Und doch hat man diesen Eindruck mehr als sonst; nicht, weil der alte comédien einen alten comédien gibt oder weil er dabei so sympathisch ist wie schon seit Louis Malles Milou en Mai nicht mehr. Doch mehr noch als jener Film tut Ich geh' nach Hause einen Blick tief in die Seele eines Mannes auf, der zum ersten Mal merkt, daß ihm die Zeit durch die Finger rutscht. Zwei alte Männer – Piccoli ist 75, Regisseur Manoel de Oliveira 93 – reflektieren hier gemeinsam über das Altern: Nichts bleibt, wie es ist, nichts wird wieder, wie es war. Eine neue, ehrlichere Position in der Welt gilt es zu finden, jetzt, da man erkannt hat, daß man eben nicht Alleinherrscher sein kann. »Seelenverwandt« sind die beiden, wie der Schauspieler sagt, »Mitwisser«, Komplizen und Freunde.

Dieses eine Mal ist Piccoli alias Gilbert Valence auch unbestrittener Mittelpunkt des Films. Das umgebende Starensemble verteilt de Oliveira ganz beiläufig auf die Nebenrollen, elegantly wasted, unorthodox eingesetzt wie fast alle Zutaten dieser Inszenierung. Die zwischengeschnittenen Theateraufführungen etwa sind nicht flüchtige Zitate, sondern tragender Bestandteil des Films; eine wortlose Heimfahrt mit dem Taxi um den Place de la Concorde präsentiert im Vorbeirollen die elementarsten Grundsätze, an die der Protagonist glaubt; ein kleiner Kalauer am Rande – der stumme Streit erwachsener Männer um den angestammten Frühstücksplatz im Café, der dummerweise derselbe ist – wird zur Metapher. De Oliveira zelebriert die Langsamkeit, die Stille, das Unspektakuläre und macht den Zuschauer so erst wach für die Nuancen, auf die es ihm ankommt.

Eine der schönsten Sequenzen dieses Films zeigt den alten Schauspieler im Büro seines Agenten, der ihm eine Rolle in einem Fernsehfilm anbietet. Durchschnittsware ist dieses Projekt nach allem, was man erfährt, einfallslos, unengagiert und aufgepeppt mit ein bißchen Sex und Gewalt. Valence lehnt ab; er macht es sich nicht leicht, möchte eigentlich wieder spielen, möchte auch seinen Freund nicht hängenlassen, aber schließlich bricht es heraus: Er verabscheut den flachen Opportunismus dieser Krämerseelen, die selbst ein Vorabendprogrammpublikum nach den Regeln des Exploitationkinos bedienen, damit die Quote stimmt. Kein Schwenk, kein Zoom, schon gar kein Schnitt unterbricht seine stotternde, fast hilflose Argumentation; die Kamera schaut ihm ungerührt aus der Halbtotalen zu, minutenlang. Neben ihm sitzt eine junge Schauspielerkollegin aus seinem Theaterensemble; auch sie schaut ihm zu. Sylvie Testud sagt die ganze Zeit kein Wort, nur ihr nachsichtiges Lächeln fragt: der nette, verdiente alte Mann – was will er eigentlich?

Das, was auch de Oliveira will. Machen, woran er glaubt; nicht aus Überheblichkeit, sondern aus stiller Überzeugung. Diese Überzeugung ernstnehmen, nicht sich selber. Beharren auf einem festen Wertekanon, auch wenn das altmodisch scheint. Sich kein Tempo verordnen lassen. Eine einfache und doch so tiefgehende Geschichte einfach erzählen – und doch so effektiv. Ein sonderbarer Film ist so entstanden, ruhig, stolz, sorgfältig durchkomponiert; ein Meisterwerk. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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