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Ich bin die Andere

D 2006. R: Margarethe von Trotta. B: Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich. K: Axel Block. S: Corina Dietz. M: Christian Heyne. P: Concorde Filmverleih. D: Katja Riemann, August Diehl, Armin Mueller-Stahl, Karin Dor, Barbara Auer u.a.
104 Min. Concorde ab 5.10.06

Das Schreckenskabinett des Dr. Freud

Von Mary Keiser Es ist Spätsommer. In einer gemütlichen, rheinischen Gaststube mit Blick auf den Loreleyfelsen treffen sich zufällig Sigmund Freud, Claude Chabrol und Robert Louis Stevenson. Sie verstehen sich prächtig, trinken zusammen das ein oder andere Glas und beginnen aus einer weinseligen Laune heraus, an einer Geschichte zu spinnen. Die einzelnen Handlungsfäden, die zunächst kreuz und quer verlaufen, fügen sich am Ende zu einem bunten, vielschichtigen Werk zusammen.

Ich bin die Andere könnte die filmische Fassung dieser Kooperation sein, in der surreale Bilder die seelischen Abgründe gut situierter Bürgerlicher offenbaren, in deren Zentrum die mysteriöse weibliche Ausgabe von Dr. Jekyll und Mr. Hyde steht. Denn die nüchterne, unterkühlte Anwältin Carolin zieht des Nachts als verruchte, vulgäre Carlotta in scharlachroten Gewändern durch zwielichtige Etablissements, als Ventil für ihre tagsüber verdrängte Sexualität. Trotz des auf eine andere Fährte lockenden Titels folgt die Erzählung aber nicht ihr, sondern dem Blick des ihr hoffnungslos verfallenen Robert Fabry, dessen Begierde nach der geheimnisvollen Fremden ein unverfälschtes Filmzitat aus Hitchcocks Vertigo zu sein scheint, bis hin zur spiralförmigen Talfahrt in sein eigenes Unglück. Nur, daß er ihr, statt auf einen Glockenturm, auf den Weinberg ihrer bizarren Familie folgt, deren Mitglieder in ihrer grotesken Inszenierung den beängstigenden Mönchen aus Der Name der Rose das Wasser reichen könnten.

Wie die Figuren selbst sind auch ihre Beziehungen zueinander bitterböse satirisch überzeichnet. Das Familienoberhaupt, eine teutonische Ausgabe von Don Corleone, hundertprozentig verkörpert von Armin Müller-Stahl, hält seine Geliebte als Haushälterin, während seine Frau sich mit dem geradewegs einem Schauerroman entsprungenen stummen Diener tröstet, und offensichtlich geht Carolins Liebe zu ihrem Vater weit über das normale töchterliche Maß hinaus. Die von morbidem Zynismus getränkte Atmosphäre beim gemeinsamen Abendessen wirkt nicht zuletzt durch die gehäuften doppeldeutigen Anspielungen ungefähr so entspannt, wie das Diner des gerade im Schloß eingetroffenen Jonathan Harker mit seinem Gastgeber Graf Dracula.

Auch Fabrys Phantomjagd hat etwas Übernatürliches, viele Sequenzen haben einen fast traumhaften Charakter, der zum Teil einer Art Umkehrung des Film noir-typischen Schattenspiels zu verdanken ist. Als sich der Freier beim Erwachen Auge in Auge dem Gutsherren gegenübersieht, wirkt dessen Gesicht durch das langsam daraufgleitende Sonnenlicht umso unheimlicher. Mit der schräg psychedelischen Farbgebung in der marokkanischen Wüste betritt die Regisseurin dann nahezu Lynch-Terrain. Die teilweise von hinten anschleichende, sich um Ecken windende Kamera gepaart mit disharmonischen Klängen machen Fabrys Trip vollends zur Traumnovelle.

Zu Beginn sieht es noch so aus, als ob die Welt, aus der er kommt, sein Angelpunkt zur Normalität wäre, sein gepflegtes Haus, das er mit Kollegin und Lebensgefährtin Britta teilt, und sein solider Job. Doch als Letztere ihm nicht nur hilft, ihre unbekannte Nebenbuhlerin aufzuspüren, sondern ihm in bester Doris Day-Manier noch selbstgebackene Kekse für den Weg mitgibt, bekommt wahrhaft chabrolesk auch diese bürgerliche Fassade einen absurden Anstrich.

In Fabrys plötzlicher Verwirrung, als er das ungewohnt obszöne Wort »vögeln« aus Brittas Mund vernimmt, liegt der Schlüssel zum Verständnis des Films. Der Punkt, an dem die unterschiedlichen Einflüsse gemeinsam einen Sinn ergeben, ist der eindimensionale Blickwinkel des Mannes, der die Frau in alter christlicher Tradition als irreale Stereotypen fixiert, als Jungfrau, Ehefrau, Mutter, Heilige, Xanthippe, Hexe oder Hure. Doch der Jekyll-Hyde-Konflikt zwischen aufgeklärtem, vernunftbestimmtem Subjekt und triebhaftem, instinktgeleitetem Wesen spaltet doch ebenso die weibliche Seele. Der Titel Ich bin die Andere, der beim ersten Hören ein Seitensprungdrama aus der Sicht der Geliebten vermuten läßt und im Laufe des Films zum Ausdruck der gespaltenen Persönlichkeit wird, bekommt auf diese Weise die viel tiefer gehende Bedeutung der weiblichen Position im androzentrischen Weltbild, personifiziert durch den polygamistischen Überpatriarchen.

Margarethe von Trotta entlarvt die klischeehaften Frauenrollen als männliches Konstrukt, läßt ihre Heldin an der gesellschaftlichen Einengung zerbrechen und wie die sagenhafte Loreley vom Felsen in den Rhein hinabstürzen. 1970-01-01 01:00

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