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Ich, beide & sie

Me, Myself & Irene. USA 2000. R,B: Bobby Farrelly, Peter Farrelly. B: Mike Cerrone. K: Mark Irwin. S: Christopher Greenbury. M: Peter Yorn, Lee Scott. P: Conundrum. D: Jim Carrey, Renée Zellweger, Chris Cooper, Robert Forster u.a.
116 Min. Fox ab 12.10.00

Split Personality

Von Fritz Göttler Das ist ein wirklich schöner, ein juveniler, lyrischer Name – Irene. Es muß eine Lust sein, einen Film zu drehen über eine Frau, die diesen Namen trägt, die Geschichte zu erzählen von einem Mann, der diese Frau zu lieben beginnt. Wahrscheinlich wird man diesen Film, nach ein paar Jahren, in der Erinnerung zusammenbringen mit einem Stück Scheiße, so wie man bei There's Something About Mary erst mal an das Sperma-Gel im Haar von Cameron Diaz denkt. Hier also diese Szene, wenn der miesepetrige Nachbar Jim Carrey auf den feinen Rasen kackt, dann kommt der Schnitt ins Close Up, aber das braune schwabbelige Gewinde in der nächsten Einstellung stellt sich als Schokopudding heraus. Schade um die Scheiße – die Farrellys parodieren sich selbst, und das haben sie wirklich nicht nötig. Der Irene-Film bestätigt, was wir mit Mary geahnt haben. Mit den Farrelly-Brüdern ist das Americana kräftig wiederbelebt worden, so stark wie einst durch Wenders oder Lynch, und die beiden sind im Grunde Norman Rockwell zwei Brüder im Geiste. Rhode Island ist das Paradies der Farrellys, und sie verherrlichen den amerikanischen Mann an sich – den Motorcycled Highway Patrolman: den Streifenpolizisten, hier inkarniert von der Nr. 549, Charlie, später auch: Hank Baileygates, gespielt von Carrey.

Charlie/Hank ist der Nachfahre der Cowboys, der Sohn der Pioniere. Wie diese mit ihrem Pferd ist er verwachsen mit seiner breiten Maschine, und ihn zeichnet die gleiche chevalereske Feinheit in den Bewegungen aus. Sobald er absteigt, wird er unsicher, verletzlich. Doch er ist ein liebevoller Vater, der darauf schaut, daß seine drei Söhne – intellektuelle fette Fleischklöße – richtig im Slang daherkommen, damit sie dem Bild entsprechen, das sie abgeben. Aber eines Tages ist es zuviel, und der andere Hank erscheint. Schizophrenie, Split Personality – der Motor des Kinos von Anfang an. Hank ist grausam und unnachsichtig, das Gegenstück zum allzu sanften Charlie.

»This is our take on The Three Faces of Eve«, sagen die Brüder. Nach drei Farrellys ist es Zeit für eine Bilanz. Die Diskussion schlingert, es gilt einiges richtigzustellen. Es kann nicht immer nur darum gehen, ob und wie geschmacklos das alles ist. Welche Grenzen da überschritten, welche Tabus zertrümmert wurden, und ob welche dabei sind, die unantastbar wären. Es muß endlich um anderes gehen, um andere Dimensionen, die mit der fröhlichen Kinowissenschaft der Farrellys eröffnet werden. Darum, daß es einen amerikanischen Archetypus gibt, der durch Komik am intensivsten repräsentiert wird. Das Stoneface, Buster Keaton, und wie der zusammenhängt mit Clint Eastwood. Und was mit anderen Formen des Komischen ist, Oliver Hardy, Jerry Lewis, Jim Carrey. Die Geburt des amerikanischen Traums, mit anderen Worten, aus dem europäischen Existentialismus. Bei der kleinen Szene von Hank mit der verletzten Kuh auf der Straße – da darf man ruhig auch an Nietzsche denken, an Turin und den Kutschergaul.

Wir haben es als Love Story, als Dreiecksgeschichte erzählt, sagen die Farrellys – zwei Guys und ein Mädchen. Auch wenn in der zweiten Hälfte das Verfolgungs-Road-Movie dominiert – die Jugend ist unverkennbar das große Thema des Films.

»I remember being eighteen«, wird im Film Comment aus dem Anfang von Peter Farrellys Roman »The Comedy Writer« von 1998 zitiert, »and driving around Rhode Island with my girlfriend Grace and a few of the guys, drinking beer and listening to the radio, and I pulled the car over and looked at everyone and I said: Do you realize how great this is? We're young. And I felt it. And I still ache from it.« Jim Carrey, mit seiner Stoppelfrisur und seinen Hawaiihemden, und Renée Zellweger mit ihrem merkwürdig abwesenden Blicken – there's something about being young… 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

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