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I Heart Huckabees

USA 2004. R,B: David O. Russell. B: Jeff Baena. K: Peter Deming. S: Robert K. Lambert. M: Jon Brion. P: N1 European Film. D: Jason Schwartzman, Isabelle Huppert, Dustin Hoffman, Lily Tomlin, Jude Law u.a.
106 Min. Fox ab 12.5.05

Existentielle Detektive

Von Florian Gottschick Vorbei die Zeit, als ein Jude Law noch als Geheimtip galt. Jeder der wenigen, ausgesuchten Filme mit dem smarten Briten wurde genossen: Die Biographie Oscar Wildes, später sein Hollywoodeinstand in Andrew Niccols utopischem Meisterwerk Gattaca, wo er auch neben Thurman und Hawke nicht an Wirkung verlor. Steven Spielbergs Artificial Intelligence – AI folgte auf The Talented Mr. Ripley, in dem Law eindrucksvoll seine Starqualitäten bewies. Doch seine Filmpräsenz nahm in kürzester Zeit inflationär zu, ja manch einer hatte nun sein – in Maßen brillantes – Grimassenspiel über, bekleidete er doch innerhalb des letzten halben Jahres Rollen in einem halben Dutzend Filme. Dies war Gegenstand so manchen Witzes von Chris Rock, dem Moderator der diesjährigen Oscarverleihung: Offenbar habe jedes Mal ein anderer Schauspieler keine Zeit gehabt. Wonach Sean Penn für Law in die Bresche sprang und sein – außerfrage – tolles schauspielerisches Talent lobte.

Doch irgendwann ist das Maß voll. I Heart Huckabees heißt der wunderbar komische Film, der leider als Schattenseite Jude Law hat. Ansonsten glänzt der Film mit einer wunderbaren Besetzung. Dustin Hoffman mit Beatles-Frisur in gewohntem Kleinspiel, viel Arme, wenig Mimik. Die allzu selten gesehene Lily Tomlin als seine hochhackig-stöckelnde, dreist neugierige Ehefrau und Kollegin, ein herrlich unprätentiöser Mark Wahlberg und als Krönung: Isabelle Huppert, ohne rechte Funktion im Film, vielleicht als Schmuck, vielleicht als Würze, jedenfalls noch immer atemberaubend.

Die »existenziellen Detektive«, Hoffman und Tomlin, suchen ihren Klienten anhand von zwanghafter, nämlich von ihnen provozierter, Selbsterfahrung den Sinn des Lebens zu vermitteln und treiben die emotional angeschlagenen Opfer in die seelische Enge. Ihre schwer zu entstrickenden Lehren halten dem besten Wanderprediger stand, jede Wendung hat eine kosmische Bedeutung. Über die Moral läßt sich streiten, jedenfalls ist das kein Film für den Religionsunterricht.

Daß unter dem Deckmantel des Naturschutzbestrebens Politik gemacht wird, ist nicht neu. Ebensowenig, daß Naturschutz schon manches Image wieder aufpoliert hat. Damit aber als Grundlage einen ganzen Film zu füllen, erscheint hier flach und notdürftig. Die Charaktere jagen nicht irgendeinem Plot hinterher, sondern: ihrem wahren Ich. Das zu verfolgen sich wahrlich lohnt, denn im Gegensatz zu einer stringenten Grundhandlung bleibt das Happy End nicht aus. Aber es ist schon eine reife Leistung, daß dem Zuschauer trotz dramaturgischem Leichtgewicht nicht langweilig wird. Und hier schafft der Film den Spagat zwischen schwer verdaubarer Menschenlehre, dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, und luftiger Unterhaltung.

Gespickt mit spirituellen Weisheiten, Funken von Wahrheit und Fragen nach dem Ich (»Wie kann ich nicht ich selbst sein?« – Der heimliche Titel des Films) ist I Heart Huckabees nicht nur ein Schmaus für den Leichtkost-Esoteriker. Im Gegensatz zu sonstigem Hollywoodklamauk wird der Zuschauer des Lachens nicht müde. Der Film erschöpft ihn und sich nicht in Slapstick. Sanfte Dosen von Humor und ein gewisser Grad von Undurchschaubarkeit tragen ihn zum Finale und sichern Regisseur David O. Russell den Hauch von Extravaganz, den auch sein offenbar autobiographischer Film, mal abgesehen von der Fehlbesetzung Jude Law – Tom hatte gerade keine Zeit – verkörpert. Die Ruhe- und Selbstfindungspause nach Three Kings hat er kreativ genutzt und schuf eine wahrheitsschwangere, esoterische Satire. 1970-01-01 01:00

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