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I Am Sam

USA 2002. R: Jessie Nelson. B: Kristine Johnson, Jessie Nelson. K: Elliot Davis. S: Richard Chew. P: Jessie Nelson, Richard Solomon. M: John Powell. D: Sean Penn, Dakota Fanning, Michelle Pfeiffer u.a.
132 Min. Warner ab 9.5.02

Rührende Lügen

Von Mark Stöhr »Im Kino gewesen – geweint.« Gähn, werden Sie denken, jetzt packt hier einer das runtergerockteste Zitat von Kafka aus, weil ihm kein besseres einfällt. Stimmt nicht. Bitteschön: »Da sitz ich / ganz hinten / ganz allein / im Kino / und möcht gern / tot sein / mit Tränen / in den Augen / jahrelang / mit beiden Armen / auf der Lehne.«

Das ist ein Gedicht von Wolf Wondratschek, der auch so Sachen geschrieben hat wie: »Liebe mich, / damit es aufhört, dieses Nachdenken, / wenn du nicht da bist.«

Vielleicht sollte ich demnächst ins lyrische Fach wechseln, in Pressevorführungen jedenfalls brauche ich mich nach meinem Tränenbad während I am Sam nicht mehr blicken zu lassen. Das ist so, wie wenn ein Kfz-Schrauber beim Pinkeln im Sitzen erwischt wird oder sich statt der obligatorischen Pin-ups eben Liebesgedichte von Wolf Wondratschek in den Spind hängt. Es war wohl mit fünf oder so, daß ich mit solch ausdauernder Penetranz einen ganzen Film hemmungslos durchgeheult habe, bei einem dieser Jesus-Sandalen-Filmen aus den Fünfzigern. Als der Messias dort im letzten Drittel ans Kreuz genagelt wurde, war ich endgültig ein Fall für den Kinderpsychologen, nur weil ich nicht kapierte, daß die Bibel wie Hollywood ist und Hollywood wie die Bibel. Jetzt bin ich zwar um einige Jahre älter und scheinbar doch um kein Stück schlauer.

Fragen Sie mich nicht nach Details der Handlung oder Raffinessen des ästhetischen Designs. Kein Ahnung auch, ob I am Sam jetzt ein besonders gelungener Film ist. Es geht jedenfalls um ein Mädchen und seinen behinderten Vater, Sam, der das geistige Niveau eines Siebenjährigen hat. Als die Kleine acht wird, steht das Jugendamt vor der Tür und will sie ins Heim stecken oder an irgendwelche Adoptiveltern verscherbeln. Doch sie will das nicht, und ihr Vater auch nicht, denn alles, was die beiden wollen ist: zusammenbleiben.

Aaah! Jetzt verlangen Sie doch nicht im Ernst noch so etwas wie Kritikfähigkeit von mir! Schon gar nicht, wenn ich Ihnen sage, daß ich mir auch bei der Lektüre von Dostojewskijs »Der Idiot« die eine oder andere Träne wegdrücken mußte, bei jedem neuen naiven Anlauf des Fürsten Myschkin, in einer gräßlich heillosen Welt Fuß zu fassen. Auch so ein vom Diktat der Normalität ans Kreuz Genagelter. Es wird aber noch schlimmer: Eine toughe Staranwältin ist bereit, für Sam den Fall vor Gericht durchzuboxen, und sagt gegen Ende sinngemäß, sie habe von ihrer beider Begegnung am meisten profitiert und gelernt, daß Karriere nicht alles ist. Ich erspare Ihnen weitere Einzelheiten über den desaströsen Zustand meines emotionalen Haushalts in diesem Stadium des Films.

Schon lange hat Hollywood nicht mehr so dreist und so süß gelogen. »Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen«, dichtet Bertolt Brecht in »Hollywood« »gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden. / Hoffnungsvoll / reihe ich mich zwischen die Verkäufer.« Ich hätte Lyriker werden sollen, aber Lügen ist meine Sache nicht. 1970-01-01 01:00
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