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Hwal – der Bogen

ROK 2005. R,B: Kim Ki-duk. K,S: Jang Seung-beck. M: Kang Eun-il. P: Kim Ki-duk Film. D: Han Yeo-reum, Jeon Sung-hwan, Seo Ji-seok u.a.
90 Min. Rapid Eye Movies ab 27.7.06

Das Herz hat seine Gründe

Von Stefan Höltgen Die Filme Kim Ki-duks erfreuen sich wahrscheinlich vor allem deshalb einer wachsenden Popularität, weil sie »versöhnlich« sind. Der erst seit wenigen Jahren filmschaffende Süd-Koreaner thematisiert in ihnen immer wieder Konflikte, wie sie die Gesellschaft oder den Einzelnen bestimmen: Liebe versus Haß, Glück versus Leid, Einsamkeit versus Gemeinschaft, Spiritualität versus Existenz – und immer wieder: Tradition versus Moderne. Denn gerade letzteres ist ein Thema, welches auch die Gesellschaft Kims nachhaltig kennzeichnet: Südkorea ist eines der am stärksten prosperierenden Länder der Welt und wurzelt dennoch – wie viele ostasiatische Kulturen – tief in einem spirituell-religiösen Fundament. Konflikte scheinen also nicht nur vorprogrammiert, sondern geradezu paradigmatisch in einer solchen Gesellschaft zu sein. In Kims Filmen konfligieren die Widersprüche jedoch nicht um eines Sieges des einen über den anderen willen; er führt Kontradiktionen als nur scheinbar, nur von der jeweiligen Warte aus gesehen unauflösbar vor und stellt ihnen ein Drittes anbei, das nicht selten als Synthese beider zu verstehen ist.

So auch in seinem neuen Film Hwal – der Bogen. In ihm wird auf der Oberfläche ein schier unglaublicher Tabubruch begangen: Ein alter Mann, Betreiber eines mitten auf dem Meer schwimmenden Fischer-Ausflugsbootes, lebt dort zusammen mit einem sechzehnjährigen Mädchen, das er zehn Jahre zuvor entführt hat. Sie warten auf ihren siebzehnten Geburtstag, an welchem der Alte das Mädchen heiraten will. Außenstehende bemerken die eigenartige Konstellation zwar, doch finden sie es eher amüsant und necken das Mädchen. Dann schreitet der Alte immer wieder mit seinem Bogen ein, schießt Warnpfeile auf die Frechgewordenen ab und stellt wieder Ruhe her. Dieser Bogen dient ihm darüber hinaus als Musikinstrument, mit dem er allabendlich seiner künftigen Braut sehnsüchtige Melodien spielt und als Instrument der Prophezeiung, denn der Alte und das Mädchen können weissagen. Dieses harmonische Beisammensein des so ungleichen und doch gleichen Paares wird jäh gestört, als ein junger Student auf das Boot kommt, in den sich das Mädchen verliebt.

Kims Film ist bereits scharfer Kritik ausgesetzt gewesen: Zu sehr ähnele das Setting den bekannten Situationen aus Seom – Die Insel (2000) oder Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling (2003). Zu homolog sei diese Geschichte um Liebe und Eifersucht zu letzterem Film und dem Erfolgswerk Bin Jip (2004). Eine solche Kritik verkennt zweierlei: Nicht nur scheint es in Kims Filmographie – wie oben erwähnt – grundsätzlich um immer dieselben Konflikte zu gehen, doch stets aus einer anderen Perspektive beobachtet; auch strebt der Regisseur mit Hwal – der Bogen einen Punkt größerer Explikation an als mit seinen vormaligen Werken. Waren diese immer nur »irgendwie« im »Hier und Jetzt« verortbar, doch selten konkret, so hat Kim gerade in seinen letzten beiden hierzulande erschienenen Werken eine größere Konkretion in seine Fabeln eingeführt.

Damit greift Hwal – der Bogen in ein aktuelles Problemfeld ein: Kaum jemandem mögen die Begriffe »Kindesentführung«, »Päderastie« und vielleicht »religiöser Konservativismus« nicht durch den Kopf gehen, während ihm klar wird, wovon Hwal – der Bogen erzählt. Da ist ein alter Mann, der ein kleines Mädchen seiner Familie entreißt, nur um sich mit diesem ein paar Jahre später einen zweiten Frühling zu bescheren. Und als sich dieses Mädchen dann seinem Alter gemäß verhält, sich gar in einen Gleichaltrigen verliebt, sieht der Entführer seine Felle wegschwimmen und droht schließlich mit Gewalt: mit Mord und Selbstmord. Daß sich dieses sehr konkrete Verhalten im letzten Teil des Films als Metapher entpuppt, ist der Clou des Films. Hatte Samaria wegen seiner erzählerischen Unentschlossenheit an genau dieser Stelle noch versagt, so gelingt bei Hwal – der Bogen dieser Übergang ästhetisch perfekt: Kim skizziert mit seinem Film nichts geringeres als einen Versuch, Traditionalismus und Religiosität mit Moderne und dem aus ihr resultierenden Agnostizismus zu versöhnen. 1970-01-01 01:00

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