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Human Nature – Die Krone der Schöpfung

Human Nature. USA/F 2001. R: Michel Gondry. B: Charlie Kaufman. K: Tim Maurice-Jones. S: Russel Icke. M: Graeme Revell. P: Good Machine. D: Patricia Arquette, Tim Robbins, Rhys Ifans, Miranda Otto u.a.
96 Min. Senator ab 10.6.04

Von Mäusen, Menschen und Affen

Von Daniel Bickermann Charlie Kaufman hat eine üble Fixierung auf Affen. Schon in Being John Malkovich gab es ja eine Primaten-Erinnerungssequenz. Und in den ersten Fassungen von Adaptation erschien am Ende keineswegs ein Krokodil, um Chris Cooper zu erlegen, sondern ein riesiges Sumpfmonster in Form eines Gorillas. Und hier nun, nachdem die deutschen Verleiher die ursprüngliche Reihenfolge durcheinandergebracht haben, kommt der Film in die deutschen Kinos, den Kaufman schon 1995 geschrieben, den Michel Gondry schon 2001 verfilmt hat – und der sich voll und ganz den Affen widmet. (Wer meint, diese beiden Namen erst kürzlich in Verbindung miteinander gehört zu haben, der sei daran erinnert, daß das zweite Kaufman/Gondry-Projekt Vergiß mein nicht gerade parallel in den deutschen Kinos läuft.)

Human Nature ist vielleicht Kaufmans aussagekräftigstes, dafür aber leider auch sein bisher schwächstes Drehbuch, und man merkt, wie Gondry, selbst Neuling auf dem Gebiet des narrativen Langfilms, vergeblich mit dem Stoff gekämpft hat. Es hat nichts geholfen. Man darf zwar wunderbare Ideen von beiden Seiten bestaunen, aber strukturell kollabiert Kaufmans Plot nach wenigen Minuten, und Gondry, ein ewig kindlicher Spinner und eine Legende der Videoclipgeneration, hatte zuviel Budget, zu viele eigene Ideen und vor allem viel zu viel unkanalisierten Ehrgeiz. Er bietet mit Musicalnummern, Super-8-Rückblenden und zahlreichen Trickphotographien ein ganzes Kompendium an Stilmitteln auf, ohne jedoch wirklich darüber nachgedacht zu haben, welche davon den verworrenen Storylines zuträglich sind und welche das ganze Durcheinander nur noch verschlimmern. Dem Regiedebutanten fehlte die ruhige Souveränität und die Einsicht, daß weniger manchmal mehr ist. Erst einige Jahre später hatte er sichtbar an Reife hinzugewonnen, um aus dem ebenso verqueren Kaufman-Drehbuch für Vergiß mein nicht einen ungleich besseren, weil unaufdringlicheren, Film zu machen.

Die Schauspieler sind alles andere als unschuldig an dem Chaos, das in Human Nature zu besichtigen ist. Arquette, Otto und vor allem Ifans geben dem Affen ordentlich Zucker und rauben der Geschichte mit ihrem übertriebenen Spiel den letzten Rest ihrer eigentlich tragischen Aussage über die verlorene Unschuld der Zivilisationskreatur Mensch. Allein Tim Robbins kann sich mit einiger Dezenz aus der Affäre ziehen, obwohl er als vielfach traumatisierter Wissenschaftler, der allen Ernstes daran arbeitet, Mäusen Tischmanieren beizubringen, den mit Abstand abwegigsten Charakter verkörpert. Aber auch er schafft es nicht, der Figur so etwas wie Würde oder Sympathie abzuringen.

Dabei berührt der Film, irgendwo zwischen seinen viel zu zahlreichen, teils kruden Wendungen, einige herrlich unangenehme Wahrheiten. Der pedantische Forscher, der glaubt, einem Affenmenschen mit Hilfe von Stromschlägen das gute Benehmen ein- und dafür den Sextrieb ausprügeln zu müssen, obwohl er selbst bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine süße französelnde Assistentin bespringt, ist ebenso perfide und treffend ausgedacht wie das haarige Mädchen, das meint, mit Gewalt ließe sich die Zivilisierung von Mensch und Tier rückgängig machen und so ein Zustand der natürlichen Unschuld wiedergewinnen. Doch der Film hört keinem der Beteiligten wirklich zu und konzentriert sich vor allem auf keinen der mindestens vier Protagonisten, sondern springt lieber spielend zwischen den Geschichten herum, bis keine mehr Bedeutung oder Spannung hergibt.

Wer Experimente vor und hinter der Kamera mag, der wird bei Human Nature durchaus auf seine Kosten kommen, als reine Ideensammlung hat er einiges zu bieten. Aber im direkten Vergleich, den uns die deutschen Verleiher in diesen Tagen auferlegt haben, ist unbedingt Vergiß mein nicht vorzuziehen. Gleicher Autor, gleicher Regisseur, besserer Film. 1970-01-01 01:00
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