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Hulk

USA 2003. R: Ang Lee. B: James Schamus. K: Frederick Elmes. S: Tim Squyres. M: Danny Elfman. P: Valhalla, Good Machine u.a. D: Eric Bana, Jennifer Connelly, Sam Elliott, Nick Nolte u.a.
138 Min. UIP ab 3.7.03

It’s not easy being green

Von Daniel Bickermann Zwei Gedanken beherrschten den Rezensenten beim Verlassen dieses Films. Der eine: Mensch, wäre das ein Spaß, Hulk zu sein. Sofas durch Häuserwände treten. Fliegende Raketen abfangen, die Sprengköpfe herunterbeißen und damit Boccia spielen. Cool. Der zweite Gedanke: Mensch, wird das Sommerpublikum über diesen Film schimpfen, es wird die helle Freude! Denn mit ordinärem Popcornkino hat Hulk so viel zu tun wie ein Magritte-Gemälde mit dem Playboy-Centerfold. Die Actionszenen sind kurz und spärlich, die Gut/Böse-Verteilung mehr als unübersichtlich und das Finale hat man sich gleich ganz gespart.

Was hat die Produzenten dieses Projekts nur geritten, daß sie ausgerechnet Ang Lee, den Meister des Familiendramas, an diesen Superhelden-Stoff gelassen haben? Und dann noch seinen kongenialen Drehbuchschreiber James Schamus, der ebenfalls eher für subtile Charakterstudien bekannt ist als für effektvolle Actionspektakel? Es kam, wie es kommen mußte – Lee und Schamus haben ein Familiendrama draus gemacht, das um Wut, Identität und verlorene Unschuld kreist. Und sie haben einen Cast zusammengeklaubt, der vor Spielfreude glänzt, allen voran der genialisch verrückte Nick Nolte.

Überraschenderweise hat Ang Lee einen Film gedreht, der dem Gefühl eines Comic Strips näher kommt als je ein Film zuvor. Die bewegten Bilder frieren ein, blättern sich um, fließen zusammen oder schachteln sich ineinander, schieben sich ein oder wirbeln umher. Das behindert den Fluß des Films zwar enorm, schafft aber gleichzeitig eine faszinierend statische Atmosphäre aus freeze frames und split screens. Was anfangs wie ein skurriles Bildüberblendungsexperiment wirkt, baut sich aus zu einer wahren Orgie der Schnittvariationen.

Zwar funktioniert der Film auch als Charakterdrama nicht immer fehlerfrei, dafür ist Hulk stilistisch – man kann es nicht anders sagen – ein Meisterwerk geworden. Die Landschaft ist von ausgesuchter Schönheit, die Lichtkomposition streckenweise überwältigend. Auch die Animation überzeugt. Vor allem, weil Lee und Schamus die Geschichte so angelegt haben, daß es eine Reihe durchaus emotionaler Momente für den jähzornigen Koloß gibt. Vorbild ist in diesem Augenblicken der Ruhe, und auch das spricht für die hohen Ansprüche der Macher, das andere verliebte, verwirrte und verzweifelte Monster der Filmgeschichte – King Kong. Nur daß heute die Computeranimation bereits so weit fortgeschritten ist, daß man den Hulk eigentlich schon nach Schauspielkategorien bewerten muß.

Ein Affront sind auch die 138 Minuten Länge, vor allem, nachdem Lee nur die ersten (meisterhaften) fünf gebraucht hat, um die Grundzüge der gesamten Geschichte auszubreiten. Aber wie schon in Tiger & Dragon lässt sich der Exiltaiwanese die gesamte erste Stunde Zeit, um den Figuren Tiefe zu geben, bevor so etwas wie eine Actionsequenz auch nur zu erahnen ist. Und auch dann lässt man es keineswegs hektisch angehen. So darf sich das computergenerierte Monstrum mitten in einem Angriff von Hubschraubern und Panzern durchaus mal die Muße nehmen, sich zu setzen und die Wüstenblumen zu bewundern. Oder tief in Jennifer Connellys grünen Augen zu versinken. Verrückter und schöner kann Actionkino nicht mehr werden. 1970-01-01 01:00

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