— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Hukkle – Das Dorf

Hukkle. H 2002. R,B: György Pálfi. K: Gergely Pohárnok. S: Ágnes Mógor. P: Mokép D: Ferenc Bandi, József Forkas, Attila Kaszás u.a.
75 Min. Arsenal ab 24.4.03

Ins Tausendstel

Von Thomas Waitz Es dauert eine Weile zu erkennen, was sichtbar ist. Im dämmrigen Licht bewegt sich eine Schlange unter einem Stein. In der Vergrößerung des Supermakros gleitet die Kamera über ihre glänzende, geschuppte Haut, schlängelt sich an ihr entlang. Ein tiefes, sonores Brummen liegt auf diesem Bild. Geräusche unter der Erde, die von ferne hallen. Bis die Kamera, die Titel zu Beginn des Films sind gerade durchgelaufen, endlich aus dem tiefsten Schwarz ans Tageslicht stößt. In derselben Einstellung noch schnellt die Kamera nach oben, und vor uns erstreckt sich, von einer Anhöhe aus gesehen, der Schauplatz des folgenden Films: ein kleines Dorf in Ungarn, in gleißendem Sommerlicht zwischen Wiesen und Wäldern gelegen. Das Bild der Schlange jedoch scheint wie eine dunkle Vorahnung weiterzuklingen: Die kulturelle Semantik des latent Bedrohlichen wird uns weiter begleiten.

Vom kleinsten Detail in die Totale – solche Einstellungen finden sich mehrfach in György Pálfis Debütfilm Hukkle. Das bildweltliche Verweben der Mikro- und Makroebene findet seine Entsprechung in den narrativen Tendenzen des Films – wenn man denn von einer Narration im klassischen Sinne sprechen möchte. Nicht alles fügt sich zusammen, Eindrücke bleiben disparat, am Ende scheint es eine Auflösung zu geben, doch eine Erklärung dessen, was wir zuvor gesehen haben, ist sie nicht.

Hukkle verwebt kunstvoll widerstreitende filmische Diskurse: So stehen etwa fiktive und Dokumentarfilmelemente gleichbedeutend nebeneinander. Mehr den Prinzipien des Kinos der Attraktionen folgend, entsteht dennoch ein spezifischer Modus der Narration, in dem fast vollständig auf die gesprochene Sprache verzichtet wird. Das Klappern einer Milchkanne, das Knarzen der Türangel, der Schluckauf eines alten Mannes, das erdachte Geräusch rasch wachsender Blätter und Pflanzen bilden die akustischen Bausteine zu einer Symphonie aus Tönen, Bildern und Zeichen, die sich niemals allegorisch auflösen, sondern auf rätselhafte Art auf etwas verweisen, das stets abwesend bleibt.

Fotographie und Schnitt sind virtuos, oft schlichtweg atemberaubend. Kaum eine Einstellung, die nicht extrem stilisiert ist, die kein Interesse an grafischer Komposition verrät, keine, die nicht ersehnt, die Möglichkeiten des Filmischen radikal auszuloten. Allem scheint eine Bedeutung innezuwohnen: der belebten wie unbelebten Welt, deren Oberflächen sich auflösen. In einem doppelten Sinne erforscht Pálfis Film Tiefenstrukturen: Auf der Ebene des sichtbaren Bildes finden sich immer wieder die ikonographisch dem Lehrfilm entliehenen Querschnittsaufnahmen unterirdischer Tiergänge und Wurzelgebilde. Auf der Ebene der Diegese ist Hukkle eine Art Bilderrätsel: ein verqueres Spiel mit Erwartungen, Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit, der äußeren Form einer beiläufig erzählten Detektivgeschichte zustrebend.

Dieses Konzept ist wiederum mehrfach gebrochen: Die Aufnahmen der Natur werden in einen Hyperrealismus gesteigert, der nach der Erfassung des Unmöglichen trachtet. So wie der Zeitraffer ermöglicht, die Blumen wachsen zu sehen, die Schnorchelkamera den Tieren in ihren Gängen folgt, wie die durch Steadycam, Kran und Helikopter entfesselte Kamera die Grenzen des menschlichen Augenmaßes sprengt, reflektiert der Film stets das Filmische selbst: durch einen provozierenden Schnitt, den gezielten Illusionsbruch, die Abbildung des Nichtabbildbaren – die Darstellung eines computererzeugten, vorbeifliegenden Düsenjets, tausendfach verlangsamt, wird zu einer Parabel auf die Unmöglichkeiten des Sehens selber.

Hukkle ist intellektuelles, aufregendes Kino, das ein Höchstmaß an Konzentration und Aufmerksamkeit einfordert und die Grenzen von Genre, filmischer Narration und den Erwartungen des Publikums auf so atemberaubende und spektakuläre Weise sprengt, daß er wie ein Hohngelächter in den Ohren all derjenigen klingen muß, die glauben, alles schon gesehen zu haben. 1970-01-01 01:00

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