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Hui Buh, das Schlossgespenst

D 2006. R,B: Sebastian Niemann. B: Dirk Ahner. K: Gerhard Schirlo. S: Moune Barius. M: Egon Riedel. P: Rat Pack Filmproduktion. D: Michael Herbig, Christoph Maria Herbst, Heike Makatsch, Hans Clarin u.a.
102 Min. Constantin ab 20.7.06

Oben hui, unten pfui

Von Mary Keiser Es hätte alles so schön sein können. Der Anfang des Films läßt ein Märchen à la Tim Burton erahnen, von der schauerlich-schönen Atmosphäre des Set Designs, bis hin zur Musik Egon Riedels, die sich klar an Danny Elfmans geisterhaften Klängen in Edward Scissorhands oder Sleepy Hollow orientiert. Man läßt sich also fallen in die phantastische Welt und wartet vorfreudig darauf, daß der Geist der Kindheit wiederaufersteht (sofern diese nicht vor 1969 zu Ende war). Und schon kündigt der Vater aller Hörspielstimmen, Hans Paetsch, das Schloßgespenst mit der rostigen Rasselkette an, ein wohliges Gefühl macht sich breit.

Jetzt kommt Hui Buh. Nein, es ist nur Bully! Was für eine Enttäuschung. Statt des gruseligen Skelett-Geistes vom Hörspiel-Cover oder einer knuddeligen, großäugigen Variante desselben, etwa im Stil von Casper, geistert ein animierter deutscher Comedystar durch Schloß Burgeck, wie gewohnt mit dem humoristischen Charme einer Büttenrede. Es graust bei dem Gedanken, daß genau dies das Geheimnis seines Erfolgs ausmacht, denn er nimmt Rücksicht auf die gute alte German Gemutlichkeit. Deutsche wollen nicht von Pointen hinterrücks angefallen werden, sondern lieber vor jeder einzelnen fragen: Woll' n mer se reinlasse? In diesem Falle: Lieber seinlasse. Wenn Hui Buh heimlich den Willkommensstrauß für Gräfin zu Etepetete in König Julius' Hand mit einer dicken Wurst vertauscht, kann der Zuschauer sich darauf verlassen, daß ihm noch genügend geistige Vorbereitungszeit für den Gag-Höhepunkt bleibt, damit es ihn nicht etwa vor lauter Überraschung vom Kinosessel haut. Deutscher Humor schafft es auch ohne die bei Sitcoms üblichen Konservenlacher, den Zuschauer zu entmündigen, durch das sich stets langsam anbahnende: Achtung! Jetzt kommt der Witz! Julius reicht der Gräfin die Wurst statt des Straußes. Tätää! Tätää! Tätää!

Eine weitere Facette der Bevormundung ergibt sich aus den expliziten Erläuterungen des Drehbuchs. Merke: Bevor man es mit der Hilfsbereitschaft übertreibt, sollte man das alte Mütterchen fragen, ob es überhaupt über die Straße geleitet werden will. Als Hui Buh begreift, daß seine beiden Gegenspieler Daalor und Adolar ein und dieselbe Person sind, nimmt letzterer noch schnell die Gelegenheit wahr, zu erklären, sein Name sei ein »Anagramm«. Da haben die lieben Kleinen pädagogisch wertvollerweise gleich noch ein neues Fremdwort gelernt.

Die holprigen Dialoge stechen brutal aus dem märchenhaften Hollywood-Ambiente hervor, da können die ohnehin nur wegen ihres Namens besetzten Schauspieler wenig ausrichten. In Hollywood spielt jemand wie Anjelica Huston die böse Hexe/Stiefmutter, hier dagegen darf Heike Makatsch düstere Beschwörungsformeln lispeln.

Hans Clarin paßt dagegen gleich in mehrfacher Hinsicht in den Film, nicht nur, weil er mittlerweile selbst ins Reich der Geister übergegangen ist, oder weil er Hui Buh in den Hörspielen seine Stimme lieh, sondern auch, weil er selbst einen Teil der glorreichen deutschen Fernsehgeschichte darstellt, deren traditionell geistreichem Wortwitz in den Bully-Filmen zu neuem Glanz verholfen wird. Man muß sich gar keine Mühe mehr geben, nicht pietätlos zu sein, das wird in Hui Buh schon erledigt, wenn Clarin sich selbstironisch als schlechter Schauspieler bezeichnet; wo die einen lachen, wenden sich andere voller Fremdscham ab.

Und die Moral von der Geschicht'? Richtig, auch damit werden wir nicht verschont. Der kleine Tommy, der absolut nichts von dem rotzfrechen Küchenjungen aus den Hörspielen an sich hat, verkündet am Ende mit seinem debilsten Grinsen die Weisheit: »In einer Familie paßt eben jeder auf den anderen auf.« Folgerichtig besteht das Happy End aus dem endgültigen Abschied von seinem in der Seelensuppe dümpelnden Vater und vor allem familienpolitisch CDU-gerecht darin, daß es nun eine alleinerziehende, erwerbstätige Mutter weniger gibt. 1970-01-01 01:00
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