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Holy Lola

F 2004. R,B: Bertrand Tavernier. B: Tiffany Tavernier, Dominique Sampiero. K: Alain Choquart. S: Sophie Brunet. M: Henri Texier. P: Little Bear, Les Films Alain Sarde u.a. D: Jacques Gamblin, Isabelle Carré, Lara Guirao, Bruno Putzulu u.a.
128 Min. Prokino ab 18.8.05

Traum Kind

Von Franziska Heller Wolken ziehen über den weiten Himmel, langsam, fast unmerklich schieben sich rosafarbige Variationen der Wolken ins Bild, deren Formen sich behutsam um die eigene Achse drehen. In dieser flüchtigen, ziehenden Weite ist das einzige, das eine feste Materialität besitzt, der Titel: Holy Lola erscheint in dreidimensionalen Holzbuchstaben am Himmel. In den darauf folgenden ersten Bildern wird die schon angedeutete Verbindung vom immateriellen Element des alles überlagernden Träumens und Hoffens und dem materiellen, irdischen Leben in festen Einstellungen einer Berglandschaft symbolisiert; die Berge bilden das wiederkehrende Sinnbild der Verbindung vom erdgebundenen Leben, das bis in den Himmel reicht. Als die Bilder in einem Wohnhaus ankommen, kehren die Formen der Credits in Miniatur wieder: In dieser Umgebung der stillen und ruhigen Atmosphäre von Abwesenheit ist das einzige, das noch Bewegung in sich birgt, das sich leicht bewegende Mobile in einem leeren Kinderzimmer.

Holy Lola ist die Geschichte von der Dominanz eines Traumes und von seinem maßgeblichen Einfluß auf die »realen«, materiellen Lebensumstände. Bei dem inszenatorisch sehr sensiblen Altmeister Bertrand Tavernier vermittelt sich dies nicht nur über die ständige Abwesenheit des Erwünschten, sondern er verlagert dieses extreme Hoffen und Bangen von der ruhigen Berglandschaft der Auvergne in den lärmenden Verkehrsfluß von Kambodscha.

Das Ehepaar Géraldine und Pierre sind gerade in Phnom Penh eingetroffen und checken in einem Hotel ein, das fast ausnahmslos von französischen Leidensgenossen bevölkert wird. Dort treffen aus unterschiedlichsten Schichten stammende Ehepaare aufeinander und tauschen rege Informationen und Geheimtips aus, wie man möglichst schnell ein kambodschanisches Kind zur Adoption bekommt. Der räumliche Zusammenschluß mit diesem einen, alles andere bestimmenden Interesse ist auch bitter nötig in dieser fremden Welt.

Es beginnt eine Odyssee durch zahlreiche Kinderheime und kafkaesk anmutende bürokratische Institutionen, deren Zweck oft bewußt im Dunkeln gelassen wird. Das Materielle des Wunsches nach einem Adoptivkind wird schnell deutlich. Es geht hier nicht um Bestechung, sondern um Spenden. Dem Film gelingt es, das Geschäft mit der Hoffnung so eindrücklich zu beschreiben, weil er deutlich macht, wie sehr die Menschen bereit sind, ihre Lebensumstände zu verändern, um ihren Traum zu verwirklichen, und wie nah man dabei an die Grenzen moralischer Kategorien kommt, da sich das Wünschen hier nun einmal auf den »Besitz« eines menschlichen Lebewesens richtet.

Der bittere Beigeschmack der monetären Seite wird auch immer wieder zum Ausdruck gebracht, vor allem, wenn der Wettkampf auf dem nicht gerade mit Babys übersäten Adoptivmarkt losgeht. Die französische Gemeinde stellt immer wieder fest, daß sie in der Wohlstandsrangliste global hinter den Amerikanern und Kanadiern rangieren, die ihre Kinder fast wie aus dem Katalog bestellen können. Betrachtet man die Qualen des liebenswerten Ehepaars Géraldine und Pierre, das hier im Mittelpunkt steht, dann könnte man sich ertappen, daß man fast auf eine freie Waise hofft - auch wenn man dann implizit billigt, daß ein Kind seine leiblichen Eltern verliert; und dies vor dem Hintergrund, daß es sich bei Kambodscha um ein vom Bürgerkrieg gebeuteltes Land handelt. Mit wiederkehrenden Bildern z.B. von Minenräumkommandos oder Überlebendengeschichten schafft Tavernier es, daß der Zuschauer dafür sensibilisiert wird – zusammen mit dem Ehepaar, das sich gezwungen sieht, immer länger in Kambodscha zu bleiben, um seinen Traum wahr machen zu können.

Nicht nur die Rituale in der französischen Community spielen sich immer mehr ein, sondern auch die Gewöhnung an die kambodschanischen Traditionen nimmt zu. Doch alle Assimilierung kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß das ewige Warten gravierenden Einfluß auf die Beziehungen der Paare hat. Auch wenn das Ehepaar Géraldine und Pierre im Vordergrund steht, so vermeidet Tavernier hierbei allzu melodramatische Züge, da er das Hoffen und Leiden anhand der heterogenen französischen Gemeinschaft in den unterschiedlichsten Facetten zeigen kann. Zudem gelingt es ihm, immer wieder liebevolle, überraschende Bilder einzufügen, die die Emotionen der Protagonisten zum Ausdruck bringen: so etwa, wenn Pierre und Géraldine auf ihrem eigenen Motodop einen überdimensionierten Teddy transportieren oder Pierre und zwei weitere Wunschväter vor einem Bürocontainer für eine Unterschrift in brüllender Hitze in den Liegestreik treten.

Die Erlösung in Form der »heiligen« Lola hat dann auch nichts Spirituell-Erleuchtendes, sondern die Materialisation dieses Traumes ist nur der Beginn einer Intensivierung der Angst vor Enttäuschung, denn der Weg durch die Institutionen und Gesundheitschecks ist noch lang. Tavernier hat einen facettenreichen Film gemacht, der besonders im sensiblen Bildaufbau und im Detail seine Stärken hat, wodurch sich der »Traum« narrativ materialisieren kann. Die einzige Schwierigkeit könnte allerdings in der Nachvollziehbarkeit liegen: Kann ein Kind oder bzw. dessen Ausbleiben tatsächlich eine Beziehung zerstören oder ist dies nur ein Ausdruck für die Suche nach einer Lebensaufgabe und Sinn in einer säkularisierten Gesellschaft? 1970-01-01 01:00
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