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Höllentour

D/CH 2004. R,B: Pepe Danquart. R: Werner Swiss Schweizer. K: Michael Hammon, Wolfgang Thaler, Filip Zumbrunn. S: Mona Bräuer. M: Till Brönner, Schumann & Bach. P: Quinte, Multimedia, Dschoint Ventschr. D: Erik Zabel, Rolf Aldag, Andreas Klöden u.a.
120 Min. NFP ab 10.6.04

Edle Schmerzen

Von Thomas Warnecke Wie wohl kaum eine andere Sportart existiert ein Radrennen vor allem als televisionäres Großereignis. Der Zuschauer am Rande der Strecke erlebt vom Rennen nur einige Sekunden, und fast schon eine Standardabbildung in der Tour de France-Berichterstattung sind jene Zuschauer, die unter freiem Himmel gebannt auf den Fernsehschirm schauen, während in ihrem Rücken das Peloton vorbeirauscht. Die Szene findet sich auch in Pepe Danquarts Tour-Doku Höllentour, wie dem radsportinteressierten Fernsehzuschauer überhaupt einiges in diesem Film bekannt vorkommen wird.

Der besondere Reiz von Danquarts Projekt liegt darin, in zwei Stunden eine komplette Frankreich-Rundfahrt, die Jubiläums-Tour 2003, mit allen in Erinnerung gebliebenen Höhepunkten – Stürzen vor allem – noch einmal zu erleben; dazu bildet jede Etappe quasi ein Kapitel, das jeweils diverse Tour-Beteiligte resp. -Begeisterte fokussiert: die Polizistin an der Absperrung, ihre männlichen Kollegen auf den Motorrädern, die Fans am Straßenrand, ein Dorf, das die Tour inklusive vorheriger »caravane publicitaire« passiert. Letztere übrigens zählt zu den Elementen von Danquarts Tour-Nacherzählung, die sich am weitesten von einer »offiziellen« Berichterstattung entfernen: Die karnevalsbunten Werbewagen mit ihren Funkemariechen sehen schlichtweg bescheuert aus, spätestens, wenn sie einen Ort verlassen haben und sich auf offener Landstraße befinden und die leichtbekleideten Damen nicht mehr wissen, wo sie die bunten Mützchen hinwerfen sollen.

Die Bilder vom Rennen selbst dagegen ächzen ein wenig unter der Last digitaler Nachbearbeitung und eines Sounddesigns, das den einmaligen Klang hunderter surrender Ritzel zu einem leitmotivischen Grundsummen destilliert, dem sich dann ideal Till Brönners samtweicher Trompetenton hinzugesellt. Zusammen mit den pastellfarbenen Einstellungen kornfelddurchziehender Pedalrittermassen ist das ein bißchen viel Weichspüler-Design für eine der härtesten Sportarten der Welt; der Himmel überm Hexagon sieht hier manchmal eher magentafarben als blau aus; fehlt nur noch der Klingelton aus der Telekom-Werbung.

Da sprechen die wirklichen Asse, die Radprofis des Teams Telekom (die Pressemitteilung zum Film ließ an keiner sich bietenden Stelle den Hinweis aus, dieses höre seit dem neuen Jahr auf einen neuen Namen: T-Mobile-Team), eine andere Sprache: im Falle Rolf Aldags etwa breites Westfälisch; und die unspektakulären Aufnahmen, die bei der Massage, bei der Teamsitzung und im Hotelzimmer entstanden sind, machen das eigentlich Sehenswerte an dieser Höllentour aus. Andreas Klöden, der sich drei Tage mit ramponiertem Steiß aufs Rad quält, bis ihn der Besenwagen einsammelt, während Aldag sich unverhofft im Besitz des Bergtrikots findet. Zweifelsohne der Star ist Erik Zabel, der seine Kameraden mit unerschütterlichem Optimismus traktiert und sich selbst, nach einem Sturz, mit einer Drahtbürste: zum besseren Ausblutenlassen der Wunde… »Warum bin ich nicht Surfer geworden.« So beiläufig läßt sich die Quälerei auf dem Asphalt ausdrücken.

Das Pathos besorgen die Franzosen: Der Priester einer Bergpfarrei sondert das hehre Leid der Sportler um eines gemeinsamen Zieles willen theologisch spitzfindig vom sündhaften Masochismus des Leidens um seiner selbst willen, während Serge Laget von »L'Equipe« sich zum Hohepriester der Tour-Mythologie emporschwingt, der die Rekorde und Superlative herbetet wie ein Comédie-française-Darsteller einen Racine-Text; aber der gute Mann hat recht, das sieht man auch an der Art, wie Zabels wortkarger Antagonist, der Masseur »Eule« Ruthenberg, die Fahrerbeine durchwalkt: »Die Tour wurde erfunden, um die Muskeln zu adeln.« 1970-01-01 01:00
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