— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Historias Mínimas

ARG 2002. R: Carlos Sorin. B: Pablo Solarz. K: Hugo Colace. S: Mohamed Rajid. M: Nicolas Sorin. P: Guacamole Films. D: Javier Lombardo, Antonio Benedictis, Javiera Bravo u.a.
94 Min. Pegasos ab 21.8.03

Aus dem Stegreif

Von Tamara Danicic »Wer die Improvisation nicht beherrscht, geht unter«, stellt der Handelsvertreter Roberto fest. Als in ihm der Gedanke aufblitzt, daß es sich bei dem Kind seiner Angebeteten nicht um einen Sohn, sondern um eine Tochter handeln könnte, ist Phantasie gefragt. So wird aus dem Backwerk in Form eines Fußballs kurzerhand eine Schildkrötentorte. Daß diese letztendlich gar nicht zum Einsatz kommt, um das Herz der umworbenen jungen Witwe zu erstürmen, ist eine andere Geschichte. Und auch im Falle des alten Don Justo, der sich eines Nachts davonstiehlt, um seinen Hund Malacara wiederzufinden und um Vergebung zu bitten, heißt es, auf unvorhergesehene Umstände einzugehen.

Die Quintessenz, daß die Kunst in der Improvisation liegt, läßt sich wohl nicht nur auf das Kino im krisengebeutelten Argentinien übertragen, wo Schmalhans derzeit Küchenmeister ist und dabei einige erstaunliche Delikatessen zuwege bringt. Das Dasein als Beherrschung des Stegreifs – um nichts Geringeres geht es hier. Daher ist es nur konsequent, daß Carlos Sorin in seinem tragikomischen Roadmovie bis auf zwei Ausnahmen mit Laien zusammengearbeitet und seine Minimalgeschichten den realen Lebensläufen der Beteiligten angenähert hat. Den Anstoß zu dieser Arbeitsmethode lieferte ein Telefon-Werbespot, den der vor allem als Werbefilmer bekannte Sorin in den abgelegenen Weiten Patagoniens drehen sollte. Beeindruckt von der Reaktion der dortigen Bevölkerung auf die ungekannten Wunder der modernen Kommunikation, schickte der Regisseur die gecasteten Profis nach Hause und nutzte die ungekünstelten Emotionen der Dorfbewohner.

Doch was in Historias Mínimas, Sorins drittem Spielfilm, als Natur daherkommt, ist keineswegs die blanke Abbildung einer wie auch immer gearteten Realität. Dahinter verbirgt sich vielmehr eine ausgearbeitete Konstruktion, innerhalb derer Spontaneität und Leichtigkeit Raum greifen können. Neben dem Einfallsreichtum der Laiendarsteller, den es dramaturgisch zu kanalisieren galt, spielte auch die Beweglichkeit der technischen Ausrüstung eine bestimmende Rolle. Gedreht wurde mit einer Steadycam, die den Protagonisten auf der Suche nach ihren Träumen wie ein aufmerksamer Begleiter folgt und Räume erfahrbar macht, ohne sich durch nervöses Gefuchtel selbst in den Vordergrund zu spielen.

Entstanden ist ein Film, der auf leisen Sohlen daher kommt, der keine spektakulären Ereignisse oder krassen Charaktere arrangiert. Die Wege der drei Hauptfiguren – des Handlungsreisenden Roberto, des Rentners Don Justo und der jungen Mutter María Flores – kreuzen sich, ohne daß darum großes Aufhebens gemacht wird, ohne daß schicksalhafte Begebnisse daraus werden. Doch aus all den flüchtigen Begegnungen, hoffnungsvollen Blicken und unbeholfenen Gesten spricht der unerschöpfliche Reichtum des alltäglichen Lebens. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap