— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Hippie Masala

CH 2006. R,P: Ulrich Grossenbacher, Damaris Lüthi. B: Damaris Lüthi. K: Ulrich Grossenbacher. S: Maya Schmid. M: Disu Gmünder, Shalil Shankar.
93 Min. Fair & Ugly ab 30.8.07

Fluchtpunkt Indien

Von Patrick Hilpisch Bevor die Beatles 1968 ihr legendäres »White Album« aufnahmen, reisten sie nach Indien, um dort die Kunst der Meditation zu erlernen und Spiritualität zu erlangen. Ringo hielt es gerade zwei Wochen aus, Paul kam und ging wie er wollte – nur George und John blieben für ganze vier Monate. Mit der Reise nach Rishikesh folgten die Fab Four einer Geisteshaltung, die ab Mitte der 1960er Jahre in Hippie-Kreisen aufkeimte: Der Schlüssel zum Lebensglück liegt in Indien. Und genau wie bei den Beatles endete die Sinnsuche und das Ausklinken aus der »sinnentleerten Wohlstandsgesellschaft« für den einen früher und den anderen später.

In ihrer Doku Hippie Masala zeichnen Ulrich Grossenbacher und Damaris Lüthi das Schicksal von sechs Blumenkindern nach, die auf den »Hippiezug nach Asien« aufgesprungen sind und sich in Indien eine neue Existenz aufgebaut haben. Dabei erstrecken sich die jeweiligen Entwürfe und Lebensphilosophien etwa vom asketischen Yogi, Cecare aus Sizilien, über einen dauerkiffenden Landwirt, Hanspeter aus der Schweiz, bis hin zu alternden Designerinnen in Goa, den Zwillingen Erica und Gillian aus Südafrika. Die Beweggründe der sechs Aussteiger, Indien als Fluchtpunkt zu wählen, sind dabei durchaus unterschiedlicher Natur, letztendlich jedoch die altbekannten: Zivilisationsmüdigkeit, die Suche nach Transzendenz und Glück und, wie Hanspeter es ausdrückt, »Drogen ohne Limits«.

Grossenbacher/Lüthi nähern sich ihren Protagonisten mit einem auf den ersten Blick neutralen Gestus, der Raum für eigene Interpretationen und Assoziationen suggeriert. Doch oft sprechen die Wahl des Bildausschnitts und des Milieus, in dem die Alt-Hippies gezeigt werden, Bände. Das mag auch der Grund sein, warum die netten und malerischen Impressionen, die Ulrich Grossenbacher mit seiner Kamera einfängt, über weite Strecken eher unspektakulär anmuten und nicht das typische »Indien – das ist eine ganz andere Welt«-Gefühl hinterlassen. Grossenbacher zeigt zwar durchaus einen feinen Sinn für idiosynkratische Details, doch die spielen in Hippie Masala eine eher untergeordnete Rolle.

Die Stärke des Films liegt vielmehr in den oft statischen Einstellungen, in denen etwa die Aussteiger rekapitulieren, wie sie dort gelandet sind, wo sie sich heute befinden. Kadrage, Beleuchtung und Setting treten hier in Dialog oder Zwiegespräch mit den Aussagen der sechs Wahl-Inder. Dies geschieht am eindringlichsten, wenn das Regie-Duo das Leben der indischen Frauen der Einwanderer beleuchtet. Hier offenbart Hippie Masala das nötige Maß an Einfühlungsvermögen und Ernst, um einen Gegenpol zu den eher komisch anmutenden Episoden (etwa die Sequenzen mit den offensichtlich alkohol- und spaßsüchtigen Zwillingen aus Südafrika) zu schaffen.

Wenn auch erst gegen Ende des Films, wird auf diese Weise die Suche nach Antworten auf ein zeitgeschichtliches Kulturphänomen zu einem kritischen Kommentar auf die soziale Wirklichkeit in Indien. Auch wenn ein differenzierterer Abgleich zwischen dem Traum von damals und der Wirklichkeit von heute wünschenswert gewesen wäre, gelingt es Hippie Masala, mit interessanten Charakteren und gekonnter »Inszenierung des Gefundenen« als würziges Gericht auf der Doku-Speisekarte herauszustechen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap