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Hilary & Jackie

GB 1998. R: Anand Tucker. B: Frank Cottrell Boyce. K: David Johnson. S: Martin Walsh. M: Barrington Pheloung. D: Emily Watson, Rachel Griffiths, David Morrissey u.a.
121 Min. Universal ab 5.8.99
Von Thilo Wydra Es beginnt am Strand: Sie rennen die Dünen herunter, bleiben irgendwann stehen und halten sich fest. Beide tragen sie ähnliche Strickmützen, sie sind die Schwestern Hilary und Jacqueline du Pré. In ihrer Umarmung liegt bereits alles, was später einmal so wichtig für sie sein wird.

Im englischen Mittelstand wachsen sie in den 50ern auf, und die Musik ist es, die von Anfang an die Familie ausmacht. Hilary spielt Querflöte, Jackie lernt Cello. Erst ist es Hilary, die auf Wettbewerben die bessere ist, doch mit zunehmender Reife ist sie es schließlich, die Jüngere, die ihre Schwester überrundet, die entdeckt wird und alsbald in den Konzertsälen dieser Welt zu Hause ist.

Hilary & Jackie, das Leinwand-Debüt des 36jährigen Regisseurs Anand Tucker, ist ein äußerst einfühlsames und sehr bewegendes Portrait zweier ungleicher Schwestern, deren Lebensläufe zwar divergieren, sich aber immer wieder kreuzen. Zwei Gegenpole, die sich dennoch magnetisch anziehen.

Während sich Hilary für ein bodenständiges Familienleben entscheidet, jettet Jackie um den Globus und ist dabei doch mutterseelenallein. Einmal, als sie gerade wieder in Moskau weilt, schickt sie ihre schmutzige Wäsche nach England, um beim Abholen der sauberen durch den Duft des vertrauten Waschpulvers an ihr Zuhause erinnert zu werden. Die tiefe Einsamkeit, in der Jackie lebt, ist in solchen Momenten nahezu physisch spürbar. Diese Momente gehen nah.

Emily Watson spielt dies grandios aus, und als Jackie bereits schwerkrank ist und die Multiple Sklerose es ihr versagt, dem Cello auch nur eine exakte Tonfolge zu entlocken, da spiegelt sich diese ungeheure Tragik in ihren wasserblauen Augen wider. Am Schluß hat die Krankheit sie besiegt, und Schwester Hilary hält sie im Arm, nach Jahren der Entfremdung und der Eifersüchteleien, und es scheint, als ob nie etwas zwischen ihnen gestanden hätte. Rachel Griffiths steht in dieser britischen Produktion ihrer Kollegin Watson im übrigen in nichts nach, auch sie fasziniert in dieser symbiotisch-konträren Schwesterbeziehung, in der Darstellung der Seelenverwandtschaft.

Dann schließt sich der Kreis, es endet, wie es begonnen hat, am Strand: Sie rennen die Dünen herunter und bleiben irgendwann stehen, halten sich fest, ganz fest. Beide tragen sie ähnliche Strickmützen, sie sind die Schwestern Hilary und Jackie… 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #15.
© 2012, Schnitt Online

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