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Hidalgo – 3000 Meilen zum Ruhm

Hidalgo. USA 2004. R: Joe Johnston. B: John Fusco. K: Shelly Johnson. S: Robert Dalva. M: James Newton Howard. P: Casey Silver D: Viggo Mortensen, Omar Sharif, Zuleikha Robinson, Adam Alexi-Malle u.a.
135 Min. Buena Vista ab 8.4.04

Männer, Pferde, Abenteuer

Von Dietrich Brüggemann Es gibt zwei Sorten von Filmen. Diese Binsenweisheit wird dadurch verkompliziert, daß unzählige dieser Zwei-Sorten-Unterteilungen nebeneinander existieren – kreuz und quer, nach Qualität und Quantität, Form und Inhalt, lang und kurz. Eine interessante Unterteilung führt William Goldman in einem seiner beiden lesenswerten Bücher übers Drehbuchschreiben ein: Demnach gibt es realistische Geschichten und »Comicbook Plots«. In einem bewundernswerten argumentativen Looping weist er nach, daß Disneys Bambi eine realistische Geschichte mit lebensnahen Ereignissen sei, Ciminos Vietnamdrama Deer Hunter bei allem Detailrealismus im Ganzen doch eine Comic-Story, die bei näherer Betrachtung voller Löcher steckt.

Hidalgo, der neue Film vom Regisseur von Jurassic Park III und Jumanji, spielt in einer klar definierten Zeit und an genau bestimmten Orten, läßt historische Persönlichkeiten auftreten und beruht angeblich sogar auf einer wahren Geschichte.

Trotzdem ist es nach Goldmans Unterteilung ein ganz klarer Comicbook-Film, der mit Schwarzweiß-Schemata operiert und sich um Logik nicht viel schert. Wenn man das akzeptiert, macht er Spaß.

Viggo Mortensen, bestens bekannt aus drei erfolgreichen Filmen, deren Titel hier nichts zur Sache tun, spielt den einsamen Cowboy, dessen Name ebenfalls nichts zur Sache tut, denn Worte sind ohnehin nicht seine Sache. So wie er seinen Text im Mundwinkel zerkaut, versteht man ohnehin nur knapp die Hälfte, und die besteht vorrangig aus Sätzen wie »Easy, partner«, gerichtet an sein Pferd, den titelgebenden Mustang Hidalgo. Er, der Cowboy, hat genug vom Krieg gegen die Indianer, in Buffalo Bills Wild-West-Show fühlt er sich auch nicht glücklich, also fährt er nach Arabien und nimmt an einem Langstreckenrennen quer durch die Wüste teil. Der Rest ist Abenteuer, Sandsturm und Sonnenbrand, sind glutäugige Wüstentöchter, Stammespatriarchen, rennende Pferde, Wasserstellen, Jagdfalken, Entführungen, Rettungsaktionen und ein halsbrecherisches Kopf-an-Kopf-Rennen. Seine halb-indianische Herkunft glaubt man Mortensen nirgends, das führt zur einzigen wirklich bodenlos schlechten Szene des Films, als eine Vision seiner trommelnden Vorfahren ihn vor dem Verdursten rettet. Ansonsten glaubt man ihm gerne alles, auch wenn es ganz und gar unglaubwürdig ist, aber man glaubt es eben gern.

Karl May, von dem William Goldman sicher nie etwas gelesen hat, wäre das Paradebeispiel für den Comicbook-Plot. Seine Bücher spielen in einer Phantasiewelt, seine Charaktere sind zweidimensional, doch all das ist mit einer so erdrückenden Menge an harten Fakten garniert, daß die Zeitgenossen gern alles für bare Münze nahmen. Ob es in Amerika eine ähnliche Erscheinung wie Karl May gibt, weiß ich nicht, aber irgend etwas ähnliches muß es geben, denn der allgemeine Hunger nach umwerfenden Geschichten, von denen man sich so sehr wünscht, sie wären wahr, ist unstillbar. Frank Hopkins, der Mann, der das Vorbild für Viggo Mortensens Figur abgab, mag ein solcher Erzähler gewesen sein. Wen kümmert es, ob er all seine Abenteuer wirklich erlebt hat, er hat jedenfalls spannende Geschichten daraus gemacht. Und wer da hinterher vom Leder zieht, das sei alles unglaubwürdig und unwahrscheinlich, der ist ein Besserwisser und hat etwas ganz Grundlegendes nicht verstanden. 1970-01-01 01:00
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