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Herzen in Aufruhr

Jude. GB 1996. R: Michael Winterbottom. B: Hossein Armini. K: Eduardo Serra. S: Trevor Waite. M: Adrian Johnston. D: Christopher Eccleston, Kate Winslet, Rachel Griffiths u.a.
122 Min. PolyGram ab 6.2.97
Von Christine Ongsiek Der nach den Erfolgen der Jane-Austen-Verfilmungen anhaltende Boom des anglo-amerikanischen Kostümfilms scheint die Regisseure zu immer neuen Adaptionen anzuspornen. Michael Winterbottom ist da keine Ausnahme. Doch Herzen in Aufruhr, basierend auf Thomas Hardys Roman »Jude the Obscure«, teilt sich mit den üblichen Merchant/Ivory-Produktionen allenfalls das 19. Jahrhundert als Handlungszeit. Statt Taft und weißer Spitze gibt es schlammige Winterstraßen und düster-melancholische Atmosphäre.

Jude (Christopher Eccleston, bekannt aus Kleine Morde unter Freunden und als Inspektor Billborough in Für alle Fälle Fitz), ein Steinmetz aus dem ländlichen Wessex, fühlt sich berufen, in die Reihen akademischer Würdenträger einzutreten. Nach kurzer liebloser Ehe mit der Tochter des örtlichen Schweinezüchters (Rachel Griffiths) macht der frustrierte Jude sich auf den Weg in die Universitätsstadt Christminster. Dort trifft er auf seine Cousine Sue (Kate Winslet), die ihn mit selbstbewußtem Charme schnell in ihren Bann zieht. Doch beide sind verheiratet. Sozial und moralisch geächtet, zieht das Paar umher, Gelegenheitsarbeiten und schäbige Hinterhofzimmer markieren den schnellen gesellschaftlichen Abstieg. Die Liebe zerbricht am sozialen Stigma und den tragischen Folgen. Beide sind ihrer Träume beraubt.

Michael Winterbottom setzt betont realistische Bilder des Elends gegen das plüschige Image des period dramas ein. Brillant sind dabei die beiden Hauptdarsteller. Der schlaksige Christopher Eccleston bietet eine glaubhafte Darbietung, und Kate Winslet beweist, daß sie auch ohne Emma Thompson an ihrer Seite zu beachtlicher schauspielerischer Einfühlsamkeit und Intensität fähig ist. Eduardo Serras ruhige, immer motivierte Kameraführung gibt beiden Gelegenheit, den Charakteren Form und Tiefe zu verleihen.

Es muß wohl am vielen Schnee und den blaß-verwischten Farben der Kulisse liegen, daß Herzen in Aufruhr den Betrachter dennoch merkwürdig kalt läßt. Oder vielleicht ist es einfach nur zuviel des düsteren Schicksals für einen ansonsten hervorragenden Film. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #05.
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