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Herzen

Couers. F/I 2006. R: Alain Resnais. B: Jean-Michel Ribes. K: Eric Gautier. S: Hervé de Luze. M: Mark Snow. P: Arena Films. D: Sabine Azéma, Isabelle Carré, Laura Morante, Pierre Arditi u.a.
120 min. Arsenal ab 29.3.07

Menschen im Schnee

Von Franziska Heller Rot leuchten im Vorspann die Buchstaben COEURS, die Herzen, in dem weißen, kalten, winterlichen Nebelhimmel auf. Die widerstrebenden Eindrücke integrieren sich nicht. Sie heben sich kraß von der Umgebung ab und passen sich nicht ein. Genauso verhält sich der Film. Er ergibt kein kohärentes Gesamtbild, erzählt keine abgeschlossene Geschichte, sondern hinterläßt vielmehr ein unaussprechliches, kaum beschreibbares Gefühl der Leere. Daß Resnais nicht für ein leicht wiederzugebendes Erzählkino steht, davon zeugt sein gesamtes Spielfilmœuvre, angefangen bei Hiroshima mon amour bis hin zu On connaît la chanson. Zwar ging es auch besonders in letzterem um die Depressionen einer bourgeoisen Pariser Gesellschaft. Aber was sich in dem Film von 1997 auf der inhaltlichen Ebene an Lebensmüdigkeit artikulierte, wurde von der ungewöhnlichen Form in einer beschwingenden Vitalität abgefangen: Die Chansons, die die Dialoge durchsetzten, bezogen den Zuschauer von On connaît la chanson mit emotionalem Schwung in den Film mit ein. In Herzen (nach einem Stück von Alan Ayckbourn) verhält es sich ein wenig anders, auch wenn hier wieder das bewährte Resnais-Ensemble zum Einsatz kommt. Wieder spielen Sabine Azéma, Pierre Arditi, Lambert Wilson und André Dussollier mit.

Und auch inhaltlich ergeben sich Ansatzpunkte. Dies insbesondere im anfänglichen Motiv der Wohnungssuche: Aus dem nebligen, kalten Himmel fährt die Kamera im beständig anhaltenden Schneegestöber über Gebäude von Paris, bis sie schließlich durch ein Fenster in einen vermeintlich warmen Innenraum kommt, der allerdings »zu klein« ist. Dies behauptet zumindest Nicole, gespielt von einem neuen Gesicht im Resnaisschen Ensemble, Laura Morante, gegenüber ihrem Immobilienmakler Thierry, der, wie schon in On connaît la chanson, in liebenswerter Weise von André Dussollier gegeben wird. Die Innenräume, in denen sich die Personen bewegen und aufhalten, sind auf die unterschiedlichste Art geteilt. Nicole führt dieses Motiv ein, indem sie auf bestimmt-komische Weise Thierry nachweist, daß die vorgeführte Wohnung nicht eine Dreizimmerwohnung, sondern eine Einzimmer- plus zwei Halbe-Zimmerwohnung ist.

Thierry wiederum »teilt« sich sein aquariumhaftes Büro mit der diesmal ziemlich verwuschelten Sabine Azéma, die die religiöse Charlotte spielt. Die beiden lachen und flirten durch die gläsernen Trennwände miteinander. Die Räume werden nie in Totalen gezeigt, sondern erschließen sich nur durch die Wege der Figuren. Der Blick wird oft durch Türen, Durchbrüche, glitzernde Vorhänge, Raumteiler oder eben Glasscheiben gefiltert. Dies gilt auch für den Gesamtraum Paris. Die einzelnen Szenen und Räume verbinden sich nicht durch verortende Außenaufnahmen, sondern die Innenräume gehen »schwebend« ineinander über: Es schneit in die »Innenräume«, in die Szenen hinein, wobei dann zu einer anderen Szene übergeblendet wird.

So »verbinden« sich auch die Geschehnisse in der Immobilienfirma mit den anderen Charakteren und ihren persönlichen Problemen. Nicole trifft in ihrer Wohnung auf ihren arbeitslosen Verlobten Dan, gespielt von Lambert Wilson, der diesmal wesentlich sympathischer als in On connaît la chanson den versagenden Liebhaber darstellt. Dan versäuft seine Tage an der Bar eines kitschig-schicken Restaurants, dessen Farbenfreudigkeit einen fast anschreit. Zu seinem Redepartner hat er den elegant zurückhaltenden Barkeeper Lionel erkoren. Dieser erteilt ihm nur zögerlich Ratschläge aus seinen Erfahrungen. Denn Lionels Leben – wohin ebenfalls im Schneegestöber übergeblendet wird – ist auch von Sprachlosigkeit und omnipräsenter Schwere geplagt. In seiner Wohnung pflegt er seinen starrköpfigen, vulgären Vater (nur durch die prägnante Stimmer präsent: der alte Resnais-Veteran Claude Rich). Da der Vater schon so viele Pflegerinnen vergrault hat, stellt sich nun eine neue vor. Es ist Thierrys gläubige Kollegin Charlotte aus der Immobilienfirma. Charlotte wird für Lionel in diesem Universum, in dem niemand über bestimmte Dinge aus seinem Leben reden will, zum Gesprächspartner – wenn auch sehr zurückgenommen.

Die hilfsbereite Charlotte gibt auch bei ihrem Arbeitskollegen Thierry nicht auf: Auf der Suche nach Lebensfreude hat sie ihm ihre Lieblingssendung aufgenommen: »Lieder, die mein Leben veränderten«. Die Situationen, in denen Thierry sich – zunächst pflichtschuldig – die religiöse Sendung anschaut, gehören zu den köstlichsten des ganzen Filmes. Denn Resnais erzählt visuell – über Blicke und Bilder. Und Thierrys Blick hat einiges zu bieten, wenn er entdeckt, was hinter der aufgezeichneten Sendung noch auf dem Video zu sehen ist. Für einen Moment scheint er da sogar seine Lebensfreude wiederzufinden.

Auf der Suche nach Freude im Leben ist auch seine Schwester Gaëlle, die mit ihm die Wohnung teilt. Jeden Abend geht sie angeblich mit Freundinnen feiern. Aber solche Ausgelassenheit ist für sie auch nur noch verblassende Erinnerung. Tatsächlich sitzt Gaëlle jeden Abend alleine im lebhaften Trubel eines Cafés und wartet auf vermeintliche Verabredungen. Das warme Rot der Kneipe hat somit keine Symbolfunktion für Gaëlles Innenwelt, sondern ist eher Ausdruck des imaginären Raums ihrer Wünsche und ihrer Vorstellungen, wie es eigentlich sein müßte. Ähnlich verhält es sich bei der Farbenpracht in der Hotel-Bar, in die sich Dan zu Lionel aus seinen Beziehungsproblemen flüchtet. Auch hier bricht nach jeder Sequenz der Schnee als kaltes, aber vor allem auch »schwebendes« Element ein, das die Charaktere in einem Raum ohne wirkliche Kommunikation und Herzenswärme vereint. Begleitet wird dies durch die eindringliche Musik von dem Akte X-Komponisten Mark Snow. Wo die Räume über das ausgeklügelte Dekor, überfrachtet mit Porträts und Naturbildern zwischen erstarrten Pflanzen, viel über die Atmosphäre in diesem Universum verraten, sagen doch die Charaktere einander und vor allem dem Zuschauer über sich herzlich wenig. Diese Welt fügt sich nicht in ein kohärentes Gesamtbild, in ihr kann keine klare Geschichte erzählt werden; die Herzen können zwar glühen, aber es gibt kein Ziel, keine Essenz: Die Innerlichkeit kehrt sich nicht nach außen. Was bleibt, ist ein Gefühl der Disharmonie – allerdings gewürzt mit einem eleganten Schuß Humor. Doch am Ende erscheint dies alles in einem unerträglich kalten Licht.

Herzen greift unverkennbar viele Elemente früherer Filme von Alain Resnais auf, setzt sie allerdings in einen extrem pessimistischen Rahmen. Dadurch bleibt nicht nur das Gefühl der Unerträglichkeit und Leere, sondern auch der Eindruck eines Abschieds – vielleicht auch mit Blick auf das Alter des Regisseurs. Einem Resnais-Fan mag in Herzen ein wenig die »Beschwingtheit« anderer Filme fehlen. Dennoch hat dieser Film zu Recht in Venedig einen Silbernen Löwen für die Regie bekommen. Denn Alain Resnais demonstriert einmal mehr, wie poetisch Filme sein können. Immer wieder ist man überrascht, welche Bild- und vor allem Raumerfahrungen sich jenseits einer straffen Narration auftun können. Eine Filmkritik kann davon mit Sprache nur skizzenhaft eine Ahnung vermitteln. Die besondere filmische Erfahrung eines Films von Alain Resnais läßt sich schwerlich in Worte fassen. 1970-01-01 01:00
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