— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Herr Wichmann von der CDU

D 2002. R,B: Andreas Dresen. K: Andreas Höfer. S: Jörg Hauschild. P: Megaherz, BR, WDR.
Piffl ab 10.4.03

Zukunft ist gut für alle

Von Thomas Waitz Als die Vorstellung zu Ende war, brandete im kleinen Kinosaal des soziokulturellen Zentrums spontan Applaus auf. Heißa! Da hatte jemand mal den versammelten Altlinken und Neudoofen so richtig aus dem Herzen gesprochen. Bowling for Columbine hieß der Film, und so, wie er das schon immer diffus erahnte Weltbild der in schweren Tagen für solcherart Erbauung dankbaren Zuschauerschaft aufs Vergnüglichste, Wohligste und Billigste bediente, dürfte es offensichtlich an der Zeit sein, an dieser Stelle einmal an jene alte Forderung zu erinnern, nach der man auf tote Pferde nicht einschlägt.

In Andreas Dresens neuem Film gibt nicht die Waffenlobby in den USA, sondern die CDU den toten Gaul. Doch das Draufhauen bleibt aus, niemand wird vorgeführt, Anteilslosigkeit überwiegt. Auch, ob die CDU in großen Teilen immer wieder den reaktionären Sumpf bedient, rückwärtsgewandt, borniert und zutiefst kleingeistig ist, steht nicht zur Debatte. Einen CDU-Provinzpolitiker in der ostdeutschen Diaspora bei einem ermüdenden und von vornherein aussichtslosen Straßenwahlkampf zu beobachten – das schien bisher nur mit zwei sich ausschließenden Haltungen möglich zu sein: Mitleid oder Häme. Andreas Dresen entscheidet sich hingegen dafür, konsequent gar keine Haltung zu haben. Das allerdings ist das genaue Gegenteil vom Keine-Einstellung-Haben, und die Offenheit, mit der Dresen seine ansonsten eher konventionelle Fernsehdokumentation einrichtet, macht Herr Wichmann von der CDU so bemerkenswert.

Diese Offenheit ermöglicht es, am Ende des Films in Herrn Wichmann in gleichem Maße einen Spießer und Bauernfänger oder einen sich engagierenden, selbstlosen Demokraten zu sehen. Wichmann – das ist einer, der auch das Gespräch mit dem häßlichen Nazi von nebenan nicht scheut, sich jedoch gleichzeitig im Wunsch, es allen Recht zu machen, ohne Not zu hanebüchenem Populismus hinreißen läßt. Diese bis zur Unfaßbarkeit gesteigerte Offenheit des Kandidaten Henryk Wichmann selber ist es, die sich strukturell in den Film einschreibt.

Dresens Einstellung ist die eines teilnahmslosen Beobachters. Nie greift er ein, nie fragt er nach. Es überwiegen statische, ruhige Einstellungen mittlerer Größe, lange gehalten, auf Distanz bedacht. Herrn Wichmann sehen wir zumeist als isolierten Einzelkämpfer in eigener Sache: Beim Besuch eines Sägewerks, beim Volksfest in Eberswalde, am Wahlkampfstand, im Gespräch mit Passanten. Einmal, da macht er wie einst Dr. Udo Brömme den Altvorderen der Gemeinde seine Aufwartung. Im Seniorenheim erzählt ein alter Mann von seiner Einsamkeit und Traurigkeit. Wichmann weiß sofort Bescheid: Man müsse sich über die kleinen Dinge im Leben freuen.

In einer irritierenden Szene sitzen die Spitzenkandidaten aller Parteien bei einer Veranstaltung für Jungwähler beisammen. Die Schüler fordern sie auf, gemeinsam ein Plakat zu gestalten, alle zusammen, über Parteigrenzen hinweg. Am Ende stehen da eine Menge Gemeinplätze, und die Unterscheidungslosigkeit ist grenzenlos. Wichmann erscheint auf einmal wie der Prototyp dessen, was einmal ein außen-geleiteter Charakter genannt worden ist. Zu keinem Zeitpunkt erfahren wir, was ihn tatsächlich antreibt, was seine Überzeugungen sind, ob er überhaupt über so etwas verfügt: Antrieb und Überzeugungen. Wichmann ist all das, was sein jeweiliges Gegenüber in ihm sehen will. 1926 schreibt Bert Brecht im Lesebuch für Städtebewohner: Was immer du sagst, sage es nicht zweimal. Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn. Wer seine Unterschrift nicht gegeben hat, wer kein Bild hinterließ, wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat, wie soll der zu fassen sein! Verwisch die Spuren.

Dresens Film verweigert sich jeder billigen Stellungnahme und zwingt den Zuschauer zur eigenständigen Bewertung, erkauft diesen Effekt jedoch mit dem völligen Verzicht auf die Position eines Auteurs. In der damit einhergehenden Anschmiegung an frei zirkulierende Sympathien gleicht er seinem Protagonisten: Henryk Wichmann, dem modernen Menschen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap