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Herr Schmidt und Herr Friedrich

D 2001. R,B: Ulrike Franke, Michael Loeken. K: Jörg Adams. S: Dagmar Filoda, Timothy McLeish. P: Filmproduktion Loekenfranke, NDR.
72 Min. GMfilms ab 12.12.02
Von Mark Stöhr Eine Liebe wird amtlich: »Bei der Bearbeitung des F. muß davon ausgegangen werden, daß er homosexuell ist […] Durch die Verbindung zu einem Schlagerklub lernte F. 1977 den gleichgesinnten BRD-Bürger Kurt Schmidt kennen. Zwischen ihnen entwickelte sich eine intensive Verbindung.« Herr Friedrich hatte da schon einen Ausreiseantrag gestellt, um mit seinem Geliebten im Westen zusammenzuleben. Wahrscheinlich pflegte die Stasi bei der Erfassung der vielen Liebesbriefe, die zwischen den Grenzen hin- und herwanderten, ein ähnliches Nummerierungssystem, wie es die beiden bei der Archivierung ihrer Erinnerungsdokumente praktizieren – jetzt, Jahre später, im gemeinsamen Reihenhausidyll irgendwo in der westdeutschen Provinz. Hier hat alles seinen festen Platz: die Gartenzwerge, Nippesfigürchen, Schmuckteller, Sofakissen und die Polizeiakten. Die Mauer und das Schwulsein haben die Koordinaten schon weit genug auseinandergerissen.

Herr Schmidt und Herr Friedrich – die beiden sind bekannt aus Ulrike Frankes und Michael Loekens erstem gemeinsamen Dokumentarfilm Und vor mir die Sterne (1998) über den Aufstieg und Fall der Schlagersängerin Renate Kern. Da waren sie eher Pausenclowns in einem bedrückenden Todesspiel, schrullige Schlager-Freaks, die mit ihrem störrischen Tonbandgerät eine Screwball Comedy eröffneten. Das Komödiantische ist geblieben, der Panorama- und Mikroblick auf ihr Leben offenbart jedoch viele Schründe und Narben. Wie auf einer Kraterlandschaft mit vielen Kunstblumen drauf. Das Häuschen steht in einer öden Industriegegend, der Betrieb, in dem beide gearbeitet haben, hat mittlerweile dichtgemacht, und Herrn Friedrichs Gesundheit gibt Anlaß zur Sorge. Auch die biedere Gemütlichkeit wirkt bisweilen wie eine blumenbestickte Tagesdecke über einem düsteren Nest aus Frust und Aggression. Franke und Loeken haben wieder ein Porträt gemacht, das einen beim Lachen traurig macht – mit großer Sensibilität und gewohnt sicherem Gespür für Pointen. Kurz nach den Dreharbeiten ist Herr Friedrich gestorben. »Vorschuß auf das Paradies«, hieß einer der späten Hits Renate Kerns. Herr Friedrich hat das bei Lebzeiten hoffentlich genauso gesehen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #28.
© 2012, Schnitt Online

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