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Herr Lehmann

D 2003. R: Leander Haußmann. B: Sven Regener. K: Frank Griebe. S: Peter R. Adam. M: Calexico, Das Holz, Element of Crime u.a. P: Boje Buck. D: Christian Ulmen, Detlev Buck, Katja Danowski, Janek Rieke u.a.
105 Min. Delphi ab 2.10.03

Im Bier liegt Glückseligkeit

Von Achim Wetter In sattes, gelbliches Licht sind sie zumeist getaucht, die Bilder des Kosmos, in dem Herr Lehmann zu Hause ist. Und manchmal scheint es, als verließen hier und da kleine Schwaden von Zigarettenrauch und von warm gewordenem Bier, der modrige Dunst von lange getragenen Lederjacken, verschwitzten Haaren und dezent parfümierten Palästinensertüchern, Frank Griebes schummrig-schöne Cinemascope-Bildwelten auf der Leinwand. Und füllt sich der Kinosaal dann langsam mit dem süßen, heimeligen Geruch, dann packt sie einen wieder, die Sentimentalität, die sich zuletzt auf dem langen Heimweg vom Altkleidercontainer ins Bewußtsein schob. Vor allem Spaß haben die Figuren in solchen Momenten, und Spaß haben offensichtlich auch die Darsteller. Zum Verführer wird Leander Haußmann in diesen Szenen und zum versierten Stimmungsdompteur, der seine Zuschauer zum Mitleben einlädt und zum Mitfeiern animiert. Für kurze Momente lebt sie wieder auf, die kuschelige Atmosphäre vergangener Zeiten in diesem denkbar fiktiven Kreuzberger Viertel kurz vor dem Mauerfall.

Weit gebracht hat es Leander Haußmann mit seinem zweiten Kinofilm ja wahrlich nicht. Ausgelassen hüpften in seinem Kinodebüt noch schlaksige Pubertierende durch ihren sonnendurchfluteten Straßenzug im Ostberliner Stadteil Treptow. Nun stürzt er sich, nur wenige Kilometer weiter, ins düstere, verruchte Nachtleben einer eher müde gewordenen Westberliner Lumpenbohème. Wie in Sonnenallee ist es auch hier das so herrlich romantisch verklärte »Wir-Gefühl«, das Haußmann zu beschwören versucht. Doch keineswegs setzt er den Schwerpunkt auf eine möglichst originalgetreue Nachbildung der späten 80er Jahre. Dafür wirken die Schauplätze zu wenig authentisch, und dafür orientiert sich die Ausstattung zu sehr am strengen, formalen Charme der Theaterkulisse. Vielmehr übernimmt er den subjektiv fokussierenden Blickwinkel aus Sven Regeners Romanvorlage und übersetzt ihn fast unverfälscht in seine eigene filmische Erzählweise. Frei vom Ballast allzu präzise gezeichneter Szenerien nimmt er das komplexe Beziehungsgeflecht unter die Lupe, das die vielen kuriosen Figuren wie mit einem unsichtbaren Band zusammenhält.

Gerät ihm sein Streifzug durch die Kreuzberger Düsternis hier und da auch ein wenig zu friedlich und harmlos, vermittlelt Herr Lehmann doch glaubhaft die neurotische Stimmung und die seltsamen Vibrationen in diesem kleinen, hermetisch abgeschirmten Universum. Stets leicht verschmitzt und mit der inneren Distanz des Komödianten stolpert Christian Ulmen als etwas antriebsarmer, aber sympathischer Protagonist durch die einzelnen Episoden. Eine plötzlich entflammende Liebe zur schönen Köchin Katrin, ein unerwarteter Besuch seiner Eltern, eine skurrile Verhaftung an der Grenze und der psychische Zusammenbruch seines besten Freundes wirbeln es ganz schön durcheinander, das fade, aber geliebte Dasein als einfache Tresenkraft. Und während Herr Lehmann alle Hände voll zu tun hat, die vielen und vor allem so unvermittelt über ihn hereinbrechenden Herausforderungen zu bewältigen, nähert sich unaufhaltsam sein 30ster Geburtstag.

Haußmanns Neuer ist vielleicht nicht ganz das, was man gemeinhin unter einer Romanverfilmung versteht, denn der Regisseur adaptiert nicht, er inszeniert. Es sind vor allem gesellschaftliche Stimmungsbilder, die er uns da bietet, Momentaufnahmen einer privilegierten Gruppe von Außenseitern bei ihrem Tanz auf dem Vulkan. Ohne die unterschwellige Melancholie, die Regeners Roman seine Geschlossenheit verleiht, setzt sich der Film im Grunde zusammen aus einer Vielzahl von kleinen, sehr liebevoll komponierten Inseln der Glückseligkeit. Und die machen nicht nur jede Menge Spaß, sondern zeigen auch, daß das Haußmannsche Herz noch immer an der richtigen Stelle pocht. 1970-01-01 01:00

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