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Der Herr der Ringe – Die zwei Türme

The Lord of the Rings: The Two Towers. USA/NZ 2002. R,B: Peter Jackson. B: Fran Walsh, Philippa Boyens, Stephen Sinclair. K: Andrew Lesnie. S: Michael Horton. M: Howard Shore. P: New Line, Wingnut. D: Elijah Wood, Ian McKellen, Liv Tyler, Viggo Mortensen, Sean Astin u.a.
179 Minuten. Warner Bros. ab 18.12.02

Erfüllte Erwartung

Von Matthias Grimm Was kann eine Kritik zu einem Film wie Der Herr der Ringe II leisten? Wie kann ein solcher Film überhaupt im globalen, medialen Bewußtsein wahrgenommen, verarbeitet und rezipiert werden? Letztendlich, und der Leser dieser Kritik wird sich eingestehen müssen, daß er keine Ausnahme bilden wird, kann sie bestehende Erwartungen an den Film nur bekräftigen, sie kann sie verfehlen und damit beweisen, daß der Rezensent ja »überhaupt keine Ahnung« hat, oder sie kann tabellarisch auflisten, in welchen Punkten die Erwartungen mit dem Erwarteten übereinstimmen, ob die Schlachten auch groß, lang und aufwendig genug sind, ob die Figuren glaubwürdig aussehen oder welche Szenen aus dem Buch verändert sind. Am Ende läuft die Frage nur auf eines hinaus: Was kann ein Film wie Der Herr der Ringe überhaupt leisten?

Im Grunde genommen muß die Antwort lauten, daß es keine Kritik geben kann zu einem Film, der schon nicht mehr Film ist, sondern Ereignis, wo der Film selbst innerhalb seiner medialen Kommunikation auf den Event-Charakter reduziert und als Film nicht mehr vorhanden ist, um gesehen, sondern bloß um kommuniziert zu werden. Noch dazu ist Der Herr der Ringe ein Film, der, was populäres Filmempfinden angeht, in einfachsten Werteskalen erfaßbar ist, nämlich solchen, die auf eine möglichst getreue Konvertierung des Buches in bewegte Bilder abzielen. So war denn auch einer der häufigsten Sätze in Bezug auf den ersten Teil: »Es war genau so, wie ich es mir beim Lesen vorgestellt habe.« Ja, und so soll es doch bitte wieder sein. Kompatibel, konsensfähig, konvergent. Brachial, berauschend, berieselnd.

Der Herr der Ringe, wie sonst vielleicht allenfalls noch Harry Potter, versetzt seinen Regisseur in die paradoxe Lage, Erwartungen nicht mehr erfüllen, sondern nur noch bedienen zu müssen. Denn schließlich ist die Geschichte bereits innerhalb des medialen Bewußtseins wahrgenommen, verarbeitet, rezipiert und vor allem: abgespeichert worden; das Verlangen besteht nun darin, sie auch zu sehen, sich dem Reiz des Visuellen zu ergeben. Anders etwa bei den neuen Star Wars-Filmen, die regelmäßig an den gesteckten Erwartungen scheitern, weil sie nicht konvertieren, sondern konstruieren müssen – neben dem visuellen Reiz auch einen ideellen.

Nicht nur war der erste Teil pompös, pathetisch und die Fans pingelig, er war auch den Kritikern genehm, die allenfalls die zu flachen Charaktere bemängelten, aber darauf vertrauten, es im nächsten Film besser vorzufinden, schließlich war der erste Exposition und im zweiten könne man bestehende Konturen vertiefen. Leider, und das ist bereits Problem des Buches, ist der zweite Teil fast ausschließlich intervallhafte Exposition ständig neuer Personen. Denn im Wesentlichen wird den ganzen Film über angekommen, sich vorgestellt, sich unterhalten, ereifert, verbündet und weitergezogen. Unfilmischer kann Narration kaum sein. Und so ist die eigentliche Frage von Der Herr der Ringe nicht: »Wie treu ist der Film dem Roman?«, sondern kann nur lauten: »Wie treu ist der Film noch dem Filmischen an sich?«

In The Fellowship versuchte Jackson die Frage zu beantworten, indem er ungewöhnliche, sich aufdrängende Kameraperspektiven suchte und mit unglaublichen Fahrten den Pomp ausstellte, den nur Film, nur visuelle Kunst zu inszenieren versteht. Gleichzeitig unterwarf er sich dadurch aber nur dem Attraktionszwang der Werbeclipkultur – einem Ausverkauf der Bilder. Die zwei Türme ist da sehr viel konventioneller, weil durch seine aufwendigen Schlachten nicht zur ständigen Effekthascherei verdammt: Effekt ist grundsätzlich allgegenwärtig. Auch die Narration beugt sich weniger dem Filmischen als vielmehr den Konventionen des Action-Kinos nach Griffith, indem die strophenhafte Struktur des Buches einer parallelen Montage weicht. Tolkiens Verweigerung einer klimaktischen Kontinuität wird hier bewußt zugunsten einer Popcorn-Mentalität außer Kraft gesetzt. Auf der anderen Seite, das war spätestens seit Teil I abzusehen, werden sämtliche, der Attraktion zuträgliche Szenen, die im Buch nur erwähnt, aber nicht ausgeführt werden, ins Filmereignis integriert, während sich das eigentliche, naturromantische Anliegen des Autors, wenn überhaupt, nur in einer skurrilen, modischen Verliebtheit in die neuseeländische Landschaft ausdrückt. Nur eine Szene ist dann ganz und gar filmisch: Wenn Jackson die Schizophrenie Gollums durch klassischen Schuß-Gegenschuß auflöst, weht ein Hauch von Filmkunst durch das Franchising-Produkt.

So ist das Filmische am Ende so banal, wie es nur sein kann, aber wahrscheinlich darum auf solch schlagende Art und Weise: Weil der Film in der Lage ist, seinen Erlebnischarakter rein optisch zu konstituieren, und Der Herr der Ringe einzig und allein auf dieses visuelle Erleben angewiesen ist. Genau an diesem Punkt zeigt sich, welche tief in unserer Kultur verwurzelte Position das Kino, neben oder entgegengesetzt zu seiner Funktion als Kunstwerk, einnimmt: die des Märchenerzählers jenseits oraler Kommunikation; als Ausdruck und Gegenstand der Mediengesellschaft. Und deswegen funktioniert Der Herr der Ringe als Verfilmung, als High Concept, so erfolgreich: Weil es so aussieht, wie man es sich beim Lesen vorgestellt hat. 1970-01-01 01:00
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