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Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs

The Lord of the Rings: The Return of the King. USA/NZ 2003. R,B: Peter Jackson. B: Fran Walsh, Philippa Boyens. K: Andrew Lesnie. S: Jamie Selkirk. M: Howard Shore. P: New Line, Wingnut. D: Elijah Wood, Ian McKellen, Liv Tyler, Viggo Mortensen, Sean Astin u.a.
200 Minuten. Warner Bros. ab 17.12.03

Peterchens Himmelfahrt

Von Daniel Bickermann Es wurde genug heruminterviewed über das finanzielle Risiko des Studios, genug fabuliert über die Grenzen des Kinos und die Grenzen der Kritik, genug die beiden Jungs bemitleidet, die drei Jahre ihres Lebens damit zubrachten, in einem kleinen Verschlag einer neuseeländischen Lagerhalle aus Milliarden Plastikringen mehrere hunderttausend Kettenhemden zu nesteln. Reden wir endlich über Film.

Und erinnern wir uns, warum wir überhaupt ins Kino gehen – um verzaubert zu werden von großen Abenteuern, um zu jammern und zähnezuklappern vor dem Ansturm der Bilder, Charaktere und Gedanken. Weihnachten 1895 haben die Gebrüder Lumière im Grand Café in Paris einen filmischen Zug auf ihr entgeistertes Publikum zurasen lassen, und, machen wir uns nichts vor, seitdem hat sich die Zuschauerpsyche nicht wesentlich weiterentwickelt. Über hundert Jahre später überrollt uns Peter Jackson drei Weihnachten hintereinander mit seinem kindlichen Erlösungsglauben, seiner Lust an grandiosen Schlachtplateaus und seiner Vorliebe für Harryhausen-Hommagen.

Nun, ist Die Rückkehr des Königs ein guter Film? Den Lesern, die seit Matrix Revolutions hinter jeder Ecke eine Goldene Himbeere riechen, sei versichert: Man kann aufatmen. Ja, es ist ein guter Film. Man versteht sogar, warum der Regisseur von Anfang an diesen Teil zu seinem Favoriten erklärt hat: Jegliche narrative Einführung ist abgeschlossen oder wird, soweit neue Orte und Namen auftauchen, einfach ignoriert. Jacksons Rechnung ist einfach: Wer einen Zehn-Stunden-Film dreht, der darf sich auch eine zwei Stunden lange Klimax leisten. Und der Film schwelgt so selbstverständlich in seiner Glückseligkeit über das Gezeigte, erschrickt immer wieder vor der eigenen Courage, und verfolgt dann doch mit so weit aufgerissenen Augen die liebevoll angerichteten Szenarien, daß man nicht anders kann als seine kindliche Freude am »Schau-mal-was-ich-kann« zu teilen. Und wieder einmal muß man einsehen, daß alle technischen Abteilungen dieses Projekts auf einem ansonsten weit und breit unerreichten Niveau gearbeitet haben: Die Bauten sind gleichzeitig gigantisch und von unerhörtem Detail, der Ton wimmelt von erforschenswerten Kuriositäten, die Kameraarbeit, die visuellen Effekte, die Kostüme, das Licht – alles hier wäre bemerkenswert, und nichts davon wirkt aufgesetzt, weil sich alles brav der Geschichte unterordnet. Sogar die Synchronisation ist lupenrein. Eigentlich, nach einigem Überlegen, ist das sogar ein sehr guter Film.

Zudem werden einige der unsauberen Stellen, die im zweiten Teil zum Vorschein kamen, ausgebessert. Treebeards zweiter Auftritt ist animatronisch endlich sauber (auch Gollums Wiederkehr ist erwartungsgemäß makellos). Eowyn darf nach der übermäßigen Trauerarbeit im zweiten Teil endlich etwas eigene Aktivität entwickeln, und Aragorn und Arwen dürfen nach all dem Geflüster und Geschluchze endlich ein wenig fleischlich werden. Die manchmal etwas langatmige Episodenstruktur wird zugunsten einer zugespitzten Gleichzeitigkeit der Ereignisse aufgegeben, die nicht nur Übersicht, sondern auch Geschwindigkeit in die Erzählung bringt. McKellen darf endlich wieder seine Shakespeare-Ausbildung zur Schau stellen, und auch Elijah Wood kann ein wenig glänzen. Sogar die kleinen Witze zwischendurch sitzen dieses Mal. Hinzu kommt Jacksons obligatorischer Griff in den Splatter-Fundus (besonders in einigen Szenen um einen Orc-Hauptmann, dessen entstelltes Gesicht arg an Jacksons Erstling Bad Taste erinnert), und außerdem brennende Städte und eine Spinne so groß wie ein Helikopter und eine Armee aus Toten und stolpernde Elefanten und Flüsse von Lava und… wenn man in dreieinhalb Stunden kaum Zeit findet, sich zurückzulehnen und sich von der letzten atemberaubend inszenierten Sequenz zu erholen, dann ist das ein Zeichen, daß dies eigentlich sogar ein verdammtnochmal grandioser Film ist.

Und so bleibt nichts weiter zu tun, als tief in seinen Kinositz hinunterzurutschen und sich ganz der Gutenachtgeschichte von dem fernen Land Mittelerde hinzugeben. Manchmal rüttelt unser Märchenonkel mit seinen Geräuscheffekten so stark, daß der Boden unter uns zittert, manchmal singt er uns zwischenrein ein stilles Liedchen, und manchmal macht er kleine, gemeine Scherzchen an Stellen, wo man keine Scherzchen machen sollte. Wir kichern dann nur und haben ihn trotzdem lieb, unseren gemütlichen Onkel Peter. Und am Ende setzt er mindestens fünf Schlußeinstellungen hintereinander, weil ihm das Erzählen so viel Spaß gemacht hat, daß er gar nicht mehr aufhören will, aber irgendwie verstehen wir ihn ja auch. Seltsam, wie vertraut Jackson scheint nach dieser Trilogie, wie privat die Filme trotz all des Grandeurs doch geworden sind.

Von jetzt an kann es mit dem pummeligen Kiwi, er selbst hat es grinsend und nicht ohne Selbstzufriedenheit festegestellt, nur noch abwärts gehen. Im Moment möchte ihm zwar ganz Hollywood seine staubigen, überdimensionalen Füße küssen; aber wer weiß, vielleicht ist er schon nach dem angekündigten King Kong-Projekt nur noch der Held der letzten Saison. Wäre ihm wohl auch egal, dann kann er seiner kongenialen Fran Walsh endlich den Gefallen tun und wieder ein kleines Indie-Drama inszenieren. Die Standards im Gutenachtgeschichtenerzählen jedenfalls hat er weit verschoben, und das kann ihm keiner mehr nehmen. 1970-01-01 01:00
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