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Der Herr der Ringe – Die Gefährten

USA 2001. R,B: Peter Jackson. B: Fran Walsh, Philippa Boyens. K: Andrew Lesnie. S: John Gilbert. M: Howard Shore. P: New Line. D: Elijah Wood, Ian McKellen, Liv Tyler, Viggo Mortensen, Sean Astin, Cate Blanchett u.a.
178 Min. Warner ab 19.12.01

Poetischer Auftakt des Mythos

Von Andrea Keil Gegen Jahresende geben sich die Kino-»Highlights« die Türklinke in die Hand: kaum glätten sich die ersten Wogen um den Publikumsmagnet Harry Potter, rüstet die Kinobranche nach und gibt noch eins drauf. Mit der Verfilmung von Tolkiens Romantrilogie »Der Herr der Ringe« kommt das bisher aufwendigste Kinoepos auf die Leinwände sämtlicher Multiplex-Kinos rund um den Erdball – selbstredend rechtzeitig vor Weihnachten, damit all jene, die auf den Wunschzettel eine Harry Potter-Bettdecke oder ähnliches geschrieben haben, noch schnell umdenken und sich stattdessen ein Herr der Ringe-Buch oder -Kartenspiel wünschen.

Nicht einmal die kritische Presse bleibt vor der Hysterie um das Kino der Superlative geschützt: bei der Pressevorführung gemütlich ohne schlechtes Gewissen zehn Minuten zu spät zu erscheinen, weil mit der Technik sicher wieder irgend etwas nicht in Ordnung ist, gibt's nicht mehr: seit Harry Potter und Herr der Ringe muß man neuerdings schon spätestens eine halbe Stunde vor Beginn antanzen, um sich von Metalldetektoren abtasten und die Taschen durchleuchten zu lassen – man könnte ja schließlich die Handkamera auf die Leinwand richten und sich durch das Kapital, das sich aus einer schlecht aufgenommenen Raubkopie schlagen läßt, in die Karibik absetzen. Angefangen wird deswegen trotzdem nicht pünktlicher, weil zuvor noch die sträflicherweise nicht-akkreditierten Kollegen von breitschultrigen Security-Männern aufgehalten werden.

Ist man dann allerdings erst einmal in Fort-Knox, dem Kinosessel, angelangt und die Vorhänge öffnen sich, ist der Groll ob der hyperventilierenden Veranstalter bald verflogen…

Natürlich ist Der Herr der Ringe kein Film, der absolutes Neuland betritt, was dramaturgische oder thematische Parameter anbelangt. Dennoch ist er einzigartig – auch in der post-Harry-Potter-Ära. Über Jahrzehnte hinweg galt das komplexe, ausufernde Werk J.R.R. Tolkiens als unverfilmbar. Doch jetzt hat sich ein Visionär an das angeblich Unmögliche herangewagt und wunderbar gemeistert. Als das Hollywood-Imperium aus Angst vor den immensen Kosten dankend abwinkte, inszenierte Regisseur Peter Jackson den archetypischen Kampf zwischen Gut und Böse mit den zwergenhaften Hobbits, den bösen Orks, den bezaubernden Elfen und den düsteren Zauberern in den fernen New-Line Cinema-Studios in Neuseeland. In einem Jahr drehte man dort an einem Stück alle drei Folgen der Trilogie – ein Konzept, daß sich als wesentlich kostensparender erwies, als die drei Folgen separat abzuwickeln.

Das Fantasy-Epos markiert nicht nur innerhalb der Filmgeschichte einen Einschnitt, sondern auch in der Filmographie Peter Jacksons. Der Regisseur aus Neuseeland wurde in einer Halloweennacht geboren und hat sein Geburtsdatum scheinbar als Omen begriffen, denn sein Renommee gewann Jackson durch Filme, die eher im Horror-Genre beheimatet sind. So sahnte er mit The Frighteners oder dem mittlerweile schon fast zum Klassiker avancierten Gruselspektakel Braindead gleich mehrere internationale Preise ab. Seine Filme haben normalerweise einen Hang zur Groteske, gemischt mit einer kindlichen Verspieltheit, die Möglichkeiten des Kinos auszuprobieren. Dabei bewegte Jackson sich stets zwischen Komik, Satire und einer fast schon zur Feierlichkeit erhöhten Gewalt.

Der Herr der Ringe läßt Jackson sein altgewohntes Terrain hinter sich liegen. Zwar ist in Herr der Ringe auch eine Portion Grusel enthalten, aber der Film verlangt seinen Machern weit mehr als nur Spannung, Action und Gemetzel ab. Mag es noch so abgedroschen klingen, aber ich benutze das Wort trotzdem: Poesie. Jackson wäre demnach sicher auch ein guter Kandidat für die Verfilmung Michael Endes »Unendlicher Geschichte« gewesen, welche ebenfalls nur in mehreren Etappen zu bewältigen war und ein ähnliches Potential an Phantasienreichtum besitzt.

Die opulent angelegte Geschichte des Mythenforschers und Linguistikprofessors aus Oxford wäre zerstört, wäre man mit der Intention an den Stoff gerückt, ihn in 2 Kinostunden zu pressen. Um die Fangemeinde Tolkiens nicht zu enttäuschen, war die Adaption der Trilogie von der Buchvorlage unvermeidbar. Zwar ist das unabgerundete Ende, das danach schreit, die nächste Fortsetzung zu sehen, ziemlich unbefriedigend, aber eben auch nur konsequent. 1970-01-01 01:00
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