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Hero

Ying xiong. HK/RC 2002. R,B: Zhang Yimou. B: Li Feng, Wang Bin. K: Christopher Doyle. S: Angie Lam, Zhai Ru. M: Tan Dun. P: Beijing New Picture Film, Elite Group. D: Jet Li, Tony Leung Chiu-wai, Maggie Cheung, Donnie Yen u.a.
120 Min. Constantin ab 5.6.03

A Touch of Zen

Von Silke Löhmann Zhang Yimou hat einen Kung Fu Film gedreht! Und was für einen! Seit Rotes Kornfeld und vor allem Rote Laterne ist Yimou als Regisseur ausgesucht schöner Bilder bekannt, die uns Geschichten von subtiler Gesellschaftskritik und Humanismus erzählen. In den letzten Jahren wendete er sich zunehmend scheinbar »kleinen« Alltagsgeschichten zu (Heimweg oder Keiner weniger), die uns auf unprätentiöse, aber sehr emotionale Weise mit Menschen bekannt machten, die sich durch innere Kraft und ein reines Herz auszeichneten.

Und nun ein opulenter Martial Arts Film mit Starbesetzung, der – zu allem Überfluß – auch noch Gnade in Regierungskreisen fand, obwohl doch die meisten Filme Yimous bisher im eigenen Land Opfer der Zensur wurden?

»Yimou hat seine politischen Ideale aufgegeben«, hieß es kritisch. Und er wolle schnell noch an den Überraschungserfolg von Ang Lees Tiger and Dragon anknüpfen. (Diese Kritik verkennt natürlich, daß das Martial Arts Genre in China vielleicht noch typischer und kulturell verwurzelter ist, als der Western in Amerika.)

Auf den ersten Blick mag Hero in der Tat wirken wie die Verherrlichung eines totalitären Machtregimes – aber nur, wenn man den Film einzig auf diese eine Art lesen will. Tatsächlich wiedersetzt sich schon die Erzählweise einer eindeutigen Interpretation: China vor mehr als 2000 Jahren ist ein geteiltes Land, im dem sieben mächtige Königreiche um die Vorherrschaft kämpfen. Besonders entschlossen geht der König von Qin vor. Und so ist er Ziel ungezählter Attentatsversuche. Als nach Jahren ein namenloser Landvogt dem König die Waffen seiner meistgefürchteten Erzfeinde zu Füßen legt, wird dieser zum König vorgelassen, um die Geschichte seiner Siege über die brillanten Schwertkämpfer zu erzählen.

Eingebettet in diese Rahmenhandlung werden uns nämlich gleich mehrere Versionen dieser Geschichte präsentiert (nicht unähnlich Kurosawas Rashomon). Jede der Episoden ist in einer ihr eigenen Farbdramaturgie gestaltet – und dabei von atemberaubender Schönheit und poetischer Kraft. Die symbolische und hochästhetische Farbdramaturgie, das Gespür für Landschaften und die umwerfende Schönheit der Bilder ist uns aus dem Werk Yimous wohlvertraut.

Neu ist, daß seine Helden als nahezu mythische Wesen gezeichnet werden, die, ebenso wie die Farben und Landschaften, Symbole sind, Verkörperungen unterschiedlicher Lebensphilosophien. Diese Distanz schaffende, ästhetisierende Inszenierung findet ihre Entsprechung in den atemberaubenden Kampfkunst-Choreographien, die in ihrer hochartifiziellen, tänzerischen und rauschhaften Darstellung von Kung Fu weit über die genreübliche Artistik-Schau hinausgehen und stattdessen die »Kunst des Kampfes« eher zur traumartigen Meditationsübungen stilisieren, in der die Kämpfer nicht nur das tiefste Wesen ihres Gegenübers erfassen, sondern sich auch Schritt für Schritt frei machen von allem Menschlichen wie Angst, Rache, Eifersucht oder Haß (nicht jedoch von der Liebe!). Der vollkommene Schwertkämpfer (und Held), so lehrt uns Yimou, benötigt kein Schwert mehr, sondern kämpft und entscheidet mit dem Herzen. Selbst ein Tyrannenmord ist mit dieser Philosophie nicht mehr zu rechtfertigen.

Letztlich ist wohl nur ein Chinese in der Lage, einen Film zu drehen, in dem eine erschreckende Kriegsmaschinerie machtvoll inszeniert wird, dessen Handlung fast ausschließlich aus Kampfhandlungen besteht, in dem reichlich gestorben (wenn auch wenig geblutet) wird und der sich dennoch im Kern mit den Themen Gewaltverzicht, Spiritualität und Selbstaufopferung auseinandersetzt.

Im Vergleich zu Tiger and Dragon, der dem Publikum eine spannende, nachvollziehbare Geschichte mit viel Herz und Humor sowie eine Reihe von Identifikationsfiguren anbot, wird sich der sperrigere, philosophische und letztlich asiatischere Hero an den (westlichen) Kinokassen voraussichtlich schwerer tun. In China hingegen ist er bereits ein Blockbuster. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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