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Die Herbstzeitlosen

CH 2006. R: Bettina Oberli. B: Sabine Pochhammer. K: Stéphane Kuthy. S: Michael Schaerer. M: Luk Zimmermann. P: Catpics AG, Schweizer Fernsehen DRS. D: Stephanie Glaser. Annemarie Düringer, Heide Marie Glössner, Monica Gubser u.a.
90 min. X Verleih ab 29.3.07

Trouble in Trub

Von Eleonóra Szemerey In Güllen hat schon vor über 50 Jahren kein Zug mehr gehalten. In Trub steht es um die öffentlichen Verkehrsmittel nicht ganz so schlimm: Auf heftiges Rufen und Gestikulieren vierer alter Damen hin tritt sogar der verdutzte Busfahrer einige Meter nach der Haltestelle auf die Bremse und ermöglicht ihnen somit den seltenen Kontakt zur Welt außerhalb des Oberemmentals. Eigentlich hat Trub auch gar nicht mehr mit Güllen zu tun, als das wohl jede Gemeinde mit überschaubarer Einwohnerzahl hat: den Pfarrer, die Tradition, den Männergesangsverein – und die mehr oder minder scheinheiligen Bürger.

Im Gegensatz zu Güllen ist in Trub ja auch alles – sowohl finanziell als auch moralisch – in bester Ordnung; das Leben verläuft in gewohnten, über viele Jahre hin bewährten Bahnen. Das sonntägliche Vaterunser in der Kirche dient zur kollektiven sozialen, politischen und sittlichen Bestandsaufnahme, die Frauen geben ihre Träume von der großen, weiten Welt auf, um ihren Männern im Dorf treu zur Seite zu stehen, die Land-und-Leute-Partei wirbt mit gutbürgerlicher Küche im Seniorenheim um neue Wähler, und die Zeitrechnung erfolgt streng in Einheiten der Form »Chorfest minus X Tage«. Keine Frage, diese allzu ordentliche Ordnung muß gestört werden, um nach einigen Turbulenzen, Enttäuschungen und Erfolgen schließlich leicht aber eindeutig positiv verändert wiederhergestellt werden zu können; sonst gäbe es ja auch keinen (komischen) Film (mit ernstem Kern).

Die Störung der Idylle in Die Herbstzeitlosen geschieht nicht von außen, sondern – viel tückischer – von innen heraus, durch die Titelheldinnen. Die Herbstzeitlosen sind in diesem Falle keine giftigen Liliengewächse, sondern vier unerwünschte Aktivität verbreitende Damen im fortgeschrittenen Rentenalter. Womit wir auch schon bei einem der zwei grundlegenden Konflikte des Films angelangt wären. Die Schweizerin wird statistisch gesehen etwa sechs Jahre älter als ihr Mann, ist zudem häufig jünger als er, lebt im Durchschnitt also nach dem Tode des Gatten noch eine recht lange Zeit weiter – eine Zeit, die sie vielleicht nicht unbedingt im Altenheim stickend oder im Garten blumengießend verbringen will. Das ist nicht anders als in Deutschland, wo die Bevölkerung bekanntermaßen immer älter wird und die durchschnittliche Lebenserwartung alle drei-vier Jahre um ein weiteres Jahr steigt (übrigens machten laut FFA bereits 2005 die Besucher über 50 knapp ein Viertel des Programmkinopublikums aus, Tendenz steigend). Nun werden in unserer Gesellschaft der Generation 50++ ja durchaus Rollenstereotypen und Verhaltensmuster zugedacht und nicht selten die Selbstbestimmung abgesprochen: So wird auch von den Truber Damen vor allem die verläßliche Pflege von Haus und Familie und/oder der schicksalergebene Rückzug in die Unauffälligkeit erwartet – eine oder besser beide Formen der Selbstaufgabe. Aber keineswegs das eigenständige – eigenwillige – Eröffnen einer Boutique für selbst handgefertigte Lingerie mitten im verschlafenen Dörfchen.

Und da verbirgt er sich auch direkt, der zweite Konfliktherd des Films. Wer sich darüber wundert, warum Regisseurin Bettina Oberli diesen doch recht konstruiert wirkenden Stein des Anstoßes in Trub aufstellt, warum sie uns erzählt, eine von der 80jährigen verwitweten Mutter des Pfarrers eröffnete Boutique für hochwertige Damenwäsche im Dorfzentrum könne heutzutage noch für Empörung sorgen, der möge ein wenig assoziieren. Sicherlich ist es nicht die »Reizwäsche« selbst, sondern vielmehr das »eigenständige – eigenwillige« Handeln der alten Damen, das Mißachten der traditionellen Rollenbilder, das Aufwirbeln der guten alten Ordnung, das die Dorfbewohner so aus der Fassung bringt. Da fällt den meisten Kritikern der neuen Geschäftsidee auch nichts Besseres ein als sinnentleerte Floskeln wie »und DAS in deinem Alter«, »wenn dein verstorbener Mann, gotthabihnselig, DAS wüßte« bzw. »schämst du dich denn nicht«, oder eine recht individuelle Bibelauslegung wie »Wer nur an sich denkt, wird ausgestoßen aus der Gemeinschaft, heißt es!« zu verkünden und dann möglichst schnell Richtung Küchen- oder Stammtisch zu türmen. Diese gesellschaftliche Bestandsaufnahme wirkt dann auch gleich sehr viel weniger auf Trub, das Oberemmental oder die Schweiz begrenzt bzw. als konstruiert und kann nach dem Kinobesuch eventuell zu ein-zwei Gedanken über das eigene Klammern an Konventionen anstoßen.

Dies allerdings tatsächlich erst nach dem Kinobesuch, denn währenddessen wird man trotz vielfach bekannten Erzählschemas, absehbarer Wendungen und gängiger Darstellungsweisen fast bis zum Ende recht gut unterhalten. Gemeinsam mit Sabine Pochhammer entwirft Oberli ein Drehbuch, das die hintergründige Gesellschaftskritik zumeist in richtigem Maße mit Witz und Melancholie würzt und sowohl die vier Protagonistinnen als auch die Dorfbewohner mit entlarvendem Humor, aber auch mit verzeihendem Verständnis zeichnet. Mit Hilfe des Charmes der vier erfahrenen Schweizer Schauspielerinnen, die die Hauptcharaktere liebenswert und überzeugend geben, gelingt Oberli eine warmherzige Komödie mit aktuellem Kern, die als sinnvoller und unterhaltsamer Feel-Good-Film – aber als sehr viel mehr auch wieder nicht – durchaus zu empfehlen ist. 1970-01-01 01:00

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