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Hejar – Großer Mann, kleine Liebe

Büyük adam küçük ask. TR/GR/HU 2001. R,B: Handan Ipekçi. K: Erdal Kahraman. S: Nikos Kanakis. M: Serdar Yalcin, Mazlum Cimen. P: Yeni Yapim Film u.a. D: Sükran Güngör, Dilan Erçetin, Füsun Demirel, Yildiz Kenter u.a.
120 Min. Movienet ab 17.4.03

Kolya auf Türkisch

Von Jutta Klocke Die Wohnungstür galt dem pensionierten Richter Rifat Bey stets als sichere Grenze zu seiner Umwelt. Lieber wird durch den Spion gelugt oder vom Fenster aus beobachtet, als daß das Unberechenbare eindringen könnte in die kontrollierbaren eigenen vier Wände. Genau das erbittet aber eines Tages wortlos Einlaß. Nach einer blutigen Polizeirazzia in der Nachbarwohnung steht die einzige Überlebende, die fünfjährige Hejar, vor Beys Tür. Von dem Wagnis, die Tür zu öffnen, und dessen Folgen erzählt Handan Ipekçis mehrfach ausgezeichneter Film auf ruhige, unaufdringliche Weise.

»Großer Mann, kleine Liebe« – dieses Motiv ist dem Kino weiß Gott nicht fremd. Immer wieder findet sich die Geschichte des Kindes, welches das Herz des erwachsenen Eigenbrötlers gewinnt – von Little Miss Marker über die alljährliche TV-Weihnachtswiederholung Little Lord Fauntleroy bis hin zu Kolya oder Léon hat sie alle möglichen Varianten erfahren. Aber so alt und mit Blick auf die Publikumswirksamkeit ebenso dankbar diese Thematik auch ist, so präsentiert Ipekçi sie doch in einem neuen und ungleich brisanteren Zusammenhang. Die behutsame Annäherung zwischen dem konservativ-patriotischen Türken und dem kurdischen Mädchen ist nicht loszulösen von dem politischen Hintergrund des Landes, in dem die Handlung angesiedelt ist. Sie steht vielmehr als Metapher für eine Utopie der Verständigung zwischen den beiden in den Protagonisten gespiegelten ethnischen Gruppen.

Daß ein solches Aufeinanderzugehen langwierig, aber nicht unmöglich ist, verdeutlicht der Film anhand der Sprachbarriere, die Bey und Hejar ebenso wie ihren Stolz erst langsam zu überwinden lernen. Eine ganze Weile wird zunächst in der eigenen Sprache aneinander vorbeigeredet – die in Türkisch gekleidete Sturheit des Alten stößt auf wenig Verständnis und fluchlastige Antworten seitens des Mädchens. Die Annäherung geschieht viel wirkungsvoller auf der nonverbalen Ebene, und so lebt Hejar von unzähligen kleinen Momenten, die zwar anrührend, aber nie rührselig inszeniert sind.

Obwohl die Handlung des Films ausschließlich um die rein zwischenmenschliche Beziehung des ungleichen Paares kreist, bezieht Ipekçi, selbst türkischer Abstammung, einen eindeutigen politischen Standpunkt. Ohne den Zeigefinger zu erheben, richtet sich ihre Kritik doch in erster Linie an die bornierte Haltung ihres eigenen Volkes. Daß der Name der Heldin übersetzt »Unterdrückung« bedeutet, mögen wohl nur die des Kurdischen Mächtigen bemerken. Jene Szene aber, die Beys Reise zu Hejars Freund Edvo zeigt, führt auch dem übrigen Publikum die Kluft zwischen der sich modern gebenden Türkei und den verwahrlosten Kurdenvierteln vor Augen.

Die letzte Szene schließlich, in der die Waise selbst die Entscheidung über ihre Zukunft trifft, ist ein engagiertes Plädoyer gegen die Bevormundung der ethnischen Minderheit durch die türkische Obrigkeit. Die Reaktion der letzteren war weniger konsequent als die ihres filmischen Pendants Bey: Öffnete zunächst auch sie die Tür zum Dialog mittels einer Finanzspritze für das Projekt Hejar, so verriegelte sie diese auch genauso schnell wieder. Der Film wurde zeitweilig in der Türkei verboten; der Regisseurin droht eine mehrjährige Haftstrafe wegen Beleidigung der Staatsgewalt. 1970-01-01 01:00
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