— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Heirate mich

D 2003. R,B,K: Uli Gaulke. R: Jeanette Eggert. K: Axel Schneppat. S: Markus C. M. Schmidt. M: Orishas, Seeed. P: Flying Moon.
105 Min. Flying Moon ab 17.7.03

Nicht zuhause

Von Thomas Waitz »Du mußt dich sehr anstrengen, damit aus dir mal was wird«, sagt ganz zu Beginn Gladis zu Omarito. Am Ende gibt es eine fast identische Einstellung, aber die Rollen scheinen sich verkehrt zu haben. Nun ist es der Sohn, der die Mutter ermuntert, sich anzustrengen: endlich Deutsch zu lernen, anzufangen mit einem eigenen Leben.

Uli Gaulke und Jeannette Eggert haben bereits einmal einen Film gemacht, der Menschen aus Kuba begleitete: In Havanna mi amor beobachteten sie vor dem Hintergrund einer gemeinschaftsstiftenden Telenovela den Alltag im heutigen Havanna. In Heirate mich begegnen wir nun einer der damaligen Protagonistinnen wieder, der jungen Tabakarbeiterin Gladis. Im April 2001 heiratet sie in Havanna den Deutschen Erik, wenige Monate später folgt sie ihm nach Deutschland. Von den Schwierigkeiten, den Enttäuschungen und dem Kampf um die Liebe der beiden zueinander erzählt Gaulkes und Eggerts Film.

»Nach einer wahren Begebenheit« ist zu Beginn in den Titeln zu lesen, und das wirkt einigermaßen befremdlich. Auf welchen Status des Filmischen mag das verweisen? Spielen da zwei sich selbst? Die Irritation bleibt. Manches scheint eigens für die Kamera inszeniert, anderes zufällig beobachtet, beiläufig erfaßt, aber stets bereits innerhalb der Mise en Scène aufgelöst. Gaulke und Eggerts Blick ist dabei von einer melancholischen Grundhaltung gekennzeichnet.

Es gibt einmal einen sehr auffälligen, fast symptomatisch zu nennenden Schnitt im Film, als nach dem tränenreichen Abschied, den Gladis in Havanna von ihren Freunden nimmt, die folgende Einstellung in Totale einen Parkplatz vor einem Möbelhaus zeigt. Es ist ein verhangener, fast grauer Tag – der Kontrast wirkt, im doppelten Sinne des Wortes, komisch. Da wird plötzlich das Eigene sichtbar und unsicher, und es geschieht über den Kontrast mit dem Fremden, das wie eine andere, denkbare Möglichkeit, so, wie es eben auch sein könnte, unterschwellig das Gesehene durchdringt. Das Fremde, das Eigene sind zum einen die bestimmenden Gegensätze des Films, zum anderen die männliche und die weibliche Sphäre.

Im Ausländeramt in Hamburg ist man nicht einmal unhöflich, es ist mehr ein bürokratisches Desinteresse, das die Szene prägt, in der Erik Gladis erklärt, daß sie, sollten sich die beiden trennen, das Land verlassen müsse. Ich habe die Gesetze nicht gemacht, seufzt er – aber es liegt, da bleibt wenig Zweifel, ein gewaltiger Gelingensdruck auf ihrer Beziehung. Wir erfahren wenig über Erik und Gladis, was ihr soziales Umfeld betrifft. Es bleibt offen, welchen Beruf Erik eigentlich ausübt, ob er Freunde hat oder was seine Interessen sind. Und auch Gladis interessiert die beiden Filmemacher augenscheinlich nur insofern, als sie Teil der Beziehung ist. Ihre Beobachtungen konzentrieren sich auf krisenhafte Zuspitzungen, weniger auf die Alltäglichkeit des Miteinanders, das oft genug ein Nebeneinander ist. Das mag dramaturgischen Prinzipien geschuldet sein, aber manches Mal hätte man einfach gerne mehr erfahren über die zwei.

Gegen Ende des Films betrachtet sich Erik, der sein neugeborenes Kind im Arm hält, im Spiegel des Kreißsaals, die Kamera schaut ihm über die Schulter. In diesem Bild einer bewußten Selbstinszenierung scheint so viel zu liegen: Die projizierten Hoffnungen, daß es weiter gehen könnte, eine seltsame Art von Stolz auf den gegangenen Weg und schließlich eine anrührende Reflexion der filmischen Situation, der Nähe von Protagonisten und Filmemachern. 1970-01-01 01:00

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