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Heinrich, der Säger

D 2001. R,B: Klaus Gietinger. K: Hans Hager. S: Katrin Suren. M: Klaus Roggors. P: Ralf Schneider. D: Rolf Becker, Meret Becker, Karina Krawczyk, Heinz Werner Kraehkamp u.a.
94 Min. Arsenal ab 16.8.01
Von Thomas Warnecke Eigentlich ist es ja ganz schön im Osten. Das kleine Bahnwärterhäuschen sauber herausgeputzt, die Uniform von Bahnwärter Kurt Grantke (Rolf Becker) tadellos, ebenso tadellos und adrett der an die Heimatfil-50er erinnernde Aufzug seiner Tochter Teresa (Meret Beker), und am kleinen Teich mit Klapperstorch blüht es auch ein wenig. Es ließe sich also ganz gut leben in diesem kleinen Thüringer Winkel, wäre da nicht die Kommerzbahn heißende Westgesellschaft, welche die Strecke hierhin stillegen will. Kommerzbahn – da ist schon alles klar: der politische Humor wird in Klaus Gietingers Film gerne mit der Keule verbreitet.

Ansonsten gilt: funktioniert ein Witz nicht, erzähl ihn halt auf Sächsisch. Dazu sind die Knallchargen unter den Eisenbahnern da, Wolfgang Winkler etwa oder Eckart von der Trenck. Die Dialektgrenze in Gietingers Osten trennt sauber in Haupt- und Nebendarsteller. Und ähnlich simpel wie die Humorstruktur ist auch die Methode, mit der sich Grantke zur Wehr setzt: mit dem Gleisschleifer sägt er die Schienen an und will so den Fortbestand seines Bahnhofes erpressen. Die Einmischung des Postboten (Alexander Beyer), der dem »Säger« auf die Spur kommt und die einsetzenden Ermittlungen des Kommissars Stahl (Heinz Werner Kraehkamp) und seiner Assistentin Braun (Karina Krawczyk) interessieren dann schon eigentlich nicht mehr.

Dabei gibt sich Heinrich der Säger so viel Mühe, zu unterhalten: Zugabenteur und Krimiparodie, Liebesgeschichten (zwischen Teresa und dem Postboten und später zwischen Grantke und Braun) und der Running-Gag mit der Kleiderfrage zwischen Stahl und Braun, die einmal viel zu sexy und dann im Armee-Dress erscheint – was, Sie fallen um vor Lachen? Genau.

Selbst vor Delikatestem schreckt Gietingers Klaus nicht zurück und läßt Teresa alias Meret Becker einem, sagen wir mal irgendwie spanisch-mittelalterlichen Katholizismus anheimfallen, der sie dazu treibt, sich allabendlich zur Freude des sie beobachtenden Postboten nackig vor einem absurd-bunten lourdesgrottenmäßigen Marienaltar zu kasteien. Ist Frau Becker sich denn für gar nichts zu schade? Kraehkamp macht zu allem wenigstens ein mißmutiges Gesicht.

Visuelles Glück verheißt einzig, der Kenner weiß es, die Fahrt auf der Schiene. Immerhin preist sich der Film als das »ultimative Railroadmovie«. Geschenkt. Die meiste Zeit verkehrt nur ein mickriger umfunktionierter Schienenbus, und das sogar nachts, was den Blick aus dem Fenster auch ziemlich unergiebig macht. Einmal wird es ein bißchen spannend, weil auf dem selben Gleis ein ICE näherrückt, und dann gibt es noch, um das Wort aus der Ankündigung zu übernehmen, den ultimativen Action-Thrill, als ein kompletter Zug eine Brücke hinabstürzt. Doch das fällt tricktechnisch so erbärmlich aus, daß ich spektakulärer meine alte Märklin H0 von der Platte hätte fallen lassen können. Soviel Einsatz ist mir dieser Film jedoch nicht wert. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #23.
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