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Hearts in Atlantis

USA 2001. R: Scott Hicks. B: William Goldman. K: Piotr Sobocinski. M: Mychael Danna. S: Pip Karmel. P: Castle Rock. D: Anthony Hopkins, Anton Yelchin, Hope Davis u.a.
101 Min. Warner Bros. ab 14.2.02

Die Magie der Erinnerung

Von Matthias Grimm Je weiter die Jugend zurückliegt, desto tiefer gleitet sie in die Regionen des Gedächtnisses, die Vergessenheit genannt werden, und umso mehr werden sie mit mythischen Motiven vermischt, werden schließlich selbst zum Mythos. Mit vielleicht dem Mythos schlechthin, mit Atlantis, setzt Stephen King in seinem gleichnamigen Roman die Jugend, oder: die Erinnerung daran, gleich, und die Verfilmung von Scott Hicks hält in kongenialer Weise daran fest.

Nach dem Tod seiner beiden Jugendfreunde erinnert sich der gealterte Bobby Garfield an den »letzten Sommer seiner Kindheit«: Prügeleien mit anderen Kindern, der erste Kuß, der vergebliche Wunsch nach einem Fahrrad. Und der rätselhafte Ted Brautigan (Anthony Hopkins), der als Untermieter zu Bobbys heimlichem Mentor wird und diesen in die Geheimnisse des Lebens einführt. Daß etwa der erste Kuß derjenige ist, an dem alle zukünftigen gemessen werden, oder daß die Jugend weniger ein Lebensabschnitt oder ein Zustand, als vielmehr ein Land ist, in dem so etwas wie Magie existiert, das sind die Weisheiten, die Thesen, die er dem Jungen vermittelt, und die Art und Weise, wie Atlantis diesen, ich nenne es: magischen Realismus verarbeitet, ist seine große Stärke.

Der Film ist Erinnerung, und in diesem Sinne hat er die Operationen der Mythisierung, des Vergessens, ebenso durchlaufen, wie die Stationen der Rationalisierung, ist somit beides gleichzeitig: vernünftig, aber doch magisch, und innerhalb dieser Magie gleichzeitig rätselhaft wie selbstverständlich.

Als Gegenbeispiel möchte ich Amélie anführen, der eine magisch funktionierende Welt zeichnet, die ihre Vernünftigkeit nur metaphysisch behält, weil ihr nichts anderes übrig bleibt. Was ich damit meine, ist, daß Atlantis die magische Welt eines Kindes zeigt, die von einem dieser »rationalisierten« Erwachsenen geträumt wird. Die Frage dabei ist, wo der Mythos, das Magische, letztlich zu suchen ist: in der Erinnerung, die verändert, oder im kindlichen Erleben selbst?

In diesem Sinne setzt King die Figur des Mentors Ted Brautigan als Schlüssel ein, der als alter Mann den Kindheitstraum in seinem Zögling erneut träumen darf und damit implizit dessen zukünftige Rolle übernimmt, die des Erinnernden selbst. Gleichzeitig ist es gerade diese Figur, die durch den Filter des Erinnerns selbst mythisiert wird und auf die Frage verweist: Gibt es am Ende gar keine Wunder, weil sie vielleicht doch wahr sind? Wenn der junge Bobby beim Kartenspielen glaubt, Gedanken lesen zu können, ist es gerade der Realismus, mit dem Regisseur Scott Hicks ihn dabei beobachtet, der auch den erinnernden Rationalisten die Frage bejahen läßt.

Grandios ist Hicks' Kameraarbeit, wenn er seine Personen durch das Haus wie durch ein Puppenhaus wandern läßt, in dem statische Fenster und Türen das Geschehen beobachten lassen, immer nur als Ausschnitt, als ein kleiner Spalt der Erinnerung, die verdeckt ist von einer Wand aus bunter Tapete. In dieser Hinsicht brillant die Abschiedsszene, in der eben dieser Mechanismus auf die Spitze getrieben wird: Wehende Tücher kaschieren den Rahmen mehrmals pro Sekunde in neuer Ordnung, lassen es zu einem oszillierenden Bildnis aus Erinnern und Vergessen, Sehnsucht, Ablehnung, Schmerz werden.

Schade, daß dieser Aspekt nur einen verhältnismäßig geringen Teil des Films einnimmt. Die meiste Zeit nämlich hält sich der Film mit romantisierten Idealen auf, die keinen mythischen, sondern einen nur verklärten Blick auf dieses Atlantis, das magische Land, repräsentieren. Nicht die Wunder – das in die Zukunft sehen oder das verbotene Wissen, die mythischen Dinge – sind die wahren magischen Orte des Landes, sondern vielmehr die romantisierten Dinge: eben der erste Kuß, der Sieg über den Bandenführer, das erste Mal in einer Bar. Und das ist, wie leider das meiste an Atlantis, doch ziemlich banal. 1970-01-01 01:00
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