— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Hautnah

Closer. USA 2004. R: Mike Nichols. B: Patrick Marber. K: Stephen Goldblatt. S: John Bloom, Antonia Van Drimmelen. M: Damien Rice, Liam Howlett u.a. P: Columbia, Scott Rudin Prods. D: Clive Owen, Jude Law, Julia Roberts, Natalie Portman u.a.
104 Min. Sony Pictures ab 13.1.05

Macht alles anders

Von Daniel Bickermann Damien Rice hat etwas Unerhörtes getan. Der irische Musiker hat eine der herzzerreißendsten Liebesballaden der letzten Jahre geschrieben, in der nicht müde wird zu klagen, wie sehr er seine Geliebte vermißt und daß ihm diese Frau nicht aus Herz und Hirn weichen will. Ein ehrliches, schwermütig, tief ergreifendes Lied. So weit ist das ja noch nicht anstößig. Aber jetzt kommt's: Ganz am Schluß, als der letzte, romantische Akkord gerade verklingt, da flüstert er: »Naja, zumindest solange, bis ich jemand Neues gefunden habe.«

Mike Nichols spielt dieses Lied durch die ersten Minuten seines Films. Genauer: Er spielt den romantischen Teil des Liedes über die romantische Eröffnungspassage. Nichts könnte passender sein, schließlich zeigt diese Exposition in voller Ernsthaftigkeit die längst zum Mythos erklärte Liebe auf den ersten Blick mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der Rice im Hintergrund beschwört, er werde seiner Geliebten immer treu bleiben. Wer das Lied kennt, weiß, daß da noch ein Haken kommen wird, daß man dem ersten Eindruck nicht trauen sollte und dem ersten Blick schon gar nicht.

Natürlich weiß Nichols sehr genau, was er da tut. Er hat schließlich schon Ehedramen mit Taylor und Burton gedreht, als unsereins noch nicht mal geboren war. Erst letztes Jahr wurde er für seine stargespickte Adaption der Homosexualitäts-Tragödie Angels in America mit Preisen geradezu beworfen, und Hautnah ist dieses Jahr einer dieser Filme auf den Favoritenlisten, denen man den Oscar tatsächlich wünschen würde.

Denn Hautnah macht alles anders, als man das aus Liebesdramen gewohnt ist. Diese Figuren sagen Dinge, die man sonst im Kino nie hört, sie streiten sich über Dinge, die anderen Figuren viel zu delikat wären, und sie vergeben sich Dinge, die in anderen Filmen unentschuldbar wären. Einige Kritiker verwechselten daraufhin Konvention und Realität und nannten die Charaktere lebensfremd und künstlich, dabei wirken sie eher filmfremd und wahrhaftig, weil original. Das liegt vor allem am Drehbuch des Theaterautors Patrick Marber, das skrupellos bis an die Grenze der Körperverletzung ist, dabei blitzgescheit und von einer ätzend bitteren Komik.

Auch sonst ist hier alles anders und neu. Der Schnitt macht Sprünge über mehrere Jahre hinweg, ohne auf erklärende Ab- oder Aufblenden zurückzugreifen. Die Londoner Szenerien bleiben grau-bedeckt, die Innenräume in Stripclubs oder Galerien seltsam klaustrophobisch. Nebenfiguren zu den vier Protagonisten werden gar nicht erst eingeführt. Sogar die berüchtigte Szene, die eigentlich nur in einem Online-Chatroom stattfindet (was könnte weniger cineastisch sein als eine Konversation übers Internet?), wird in Nichols Händen zu einem humoristischen, elegant gelösten Kernstück des Films.

Das Casting pendelt zwischen Genie und Wahnsinn: Julia Roberts spielt die Ehebrecherin beängstigend sympathisch, Jude Law brilliert als tragischer Herzensbrecher, und Natalie Portman gibt in ihrer typischen Art die liebenswerte Stripperin, die jüngste und zugleich erwachsenste Figur des Films. Ein besonderer Salut muß allerdings an Clive Owen gehen, der in diesem makellosen Ensemble die schwierigste Rolle abgekriegt hat – und sie meisterhaft veredelt. Daß dieser Dermatologe mit der offenen Vorliebe für Pornographie, Kraftausdrücke und andere Ehrlichkeiten nicht ins Klischee vom notgeilen Höhlenmann abrutscht und sich nicht im Widerspruch zwischen reichem Akademiker und emotionalem Proleten auflöst, ist allein Owens Verdienst, der dieser Figur Stärke, Würde und einen unerbittlichen Willen gibt und so aus dem vermeintlichen Neandertaler einen neuen Typus Mann im Film macht: zielstrebig, ebenso verletzlich wie verletzend, prinzipientreu bis zur Grausamkeit. Wie der ganze Film eigentlich. 1970-01-01 01:00
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