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Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?

D 2005. R,B,K,S,P: Gerhard Friedl.
73 Min. Real Fiction ab 2.3.06

Offene Türen

Von Cornelis Hähnel Es gibt eindeutig erkennbare Verbrechen. Verbrechen, die mit Gewalt und physischen Schäden einhergehen. Diese sind einfach zu erkennen und zu beurteilen. Was allerdings, wenn sich die Kriminalität in schwer greifbaren und komplexen Strukturen wie denen der Wirtschaft bewegt? Was sind noch kleine Tricks und Tips an Börse und Co., wo fangen Betrug, Korruption, manipulative Investition und Machterhaltung an? Der Abschlußfilm von Gerhard Friedl in der Abteilung Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik der HFF München betrachtet deutsche Wirtschaftsdynastien, u.a. Krupp, Flick, Oetker, Thyssen, jenseits der Erfolgsgeschichten. Episodenhaft werden einzelne Kapitel aus dem Leben von Großindustriellen, Politikern und Bankiers erwähnt, kleinere Anekdoten, die scheinbar introduzierend nicht nur finanzielle Verstrickungen nach sich zogen. Es werden Unklarheiten geäußert und Klammern geöffnet, die sich in einem kapitalistischen und verbrecherischen Netz von Undurchsichtigkeiten verlaufen. All dies geschieht nicht mit einer antiglobalistischen und linksradikalen Besserwisserei, sondern beinahe wertfrei und somit auf bittere, humorvolle Weise.

Friedl schafft es, Nebensächlichkeiten hervorzuheben und autonome Fakten als wichtige Teile in den Lauf des Ganzen zu stellen. Ähnlich wie in den Büchern Thomas Meineckes setzen sich die Tatsachen zu einem neuen, wilden, eigenständigen und empörenden Informationswirbel zusammen und demontieren sich dabei selbst. Visuell illustriert wird das alles von assoziativ geschnittenen Kameraschwenks, zusammengehalten durch die Off-Stimme. Die Bilder sind frei gewählt: Baustellen, Fabriken, öffentliche Plätze. Der Zuschauer ist dabei immer versucht, Bild und Ton in Einklang zu bringen, man sucht Anhaltspunkte, Beweise, zumindest kleinste denotative Elemente und findet selbstinterpretierte Entsprechungen. Anfänglich dominieren Steuerprobleme des Blicks, die Schleife der Bilder und die der Informationen laufen nebeneinander her und setzen sich erst gegen Ende zu einem Gesamtbild zusammen, das außerhalb der vorgegebenen Form seine eigene Realität findet. Denn die Rezeption funktioniert ähnlich wie das im Film erwähnte Drehtür-Modell: Die Tür ist offen, und dennoch wird es im Haus nie kalt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #41.
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