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Haschisch

D 2002. R,K,S: Daniel Gräbner. S: Roland Bauer, Rita Schwarze. M: Arz-Al-Atlas. P: A-Atlas Filmproduktion, KHM Köln.
80 Min. A-Atlas ab 20.8.03.

Im Schatten der Träume

Von Achim Wetter Nicht ganz von dieser Welt erscheinen die Bilder zuweilen in Daniel Gräbners erstem abendfüllenden Dokumentarfilm. Da überzieht etwa gleißendes Sonnenlicht die verdorrende Vegetation zwischen schroffem Felsgestein und taucht einen ausgemergelten Mann mit schwerem Gepäck auf einem Gebirgspfad in magisches Gelborange. Da sieht man in tiefer Nacht die skurrilen Schatten von zwei Männern, die in einem Zelt mit langen Stöcken abwechselnd und endlos monoton auf einen gepolsterten Tisch einhämmern. Da isolieren sich aus dem Dunkel entrückte Gesichter, die im Schein eines Lagerfeuers höchst seltsame Geschichten und Phantasien zum Besten geben. Geschickt, denkt man, wie Gräbner ästhetische Siedepunkte erzeugt, um die Neugierde des Zuschauers zu wecken und um im Windschatten solcher Momentaufnahmen zwischen Traum und Realität sein Restmaterial unterzubringen.

Seit vielen Jahrhunderten ist das Leben in den Bergen von Ketama geprägt von der Droge Haschisch. Haschisch ist Tauschmittel, Haschisch ist tägliche Arbeit, und Haschisch ist auch das Medium für die Träume der Bergbewohner. Der drahtige Mann mit der Kiste entpuppt sich als Eisverkäufer, der von den Kindern ganz selbstverständlich statt Bargeld ein paar Büschel Marihuana als Währung akzeptiert. Die beiden Trommler treiben tagaus tagein mit ihren Schlägen getrocknete Stauden durch ein engmaschiges Sieb, um den feinen Staub zu gewinnen, der im Tal bares Geld einbringt und der von da aus, in handliche Platten gepreßt, nach Europa gelangt. Die Figuren am Lagerfeuer werden zu einfachen Bergbauern, die sich ihre Abende mit dem Produkt ihres Tagwerks versüßen und über ihr karges Leben, über Politik und den Lauf der Welt philosophieren. Eigentlich alles ganz normal, umwehte die Pflanze nicht der faszinierende Hauch der Illegalität.

Illegal ist es zweifellos, daß die rund 200.000 Kleinbauern im unwegsamen, unkontrollierten Rif-Gebirge im Norden Marokkos gut zwei Drittel des europäischen Bedarfs an Haschisch produzieren. Ein hartes Durchgreifen haben die Bauern ob politischer und wirtschaftlicher Verstrickungen von Seiten ihrer Regierung aber kaum zu befürchten. Eindeutig zu wenig Thrill, um die Geschlossenheit des Films ganz allein über die Koketterie mit gelebter Gesetzlosigkeit zu erreichen. So sind es vor allem die Menschen selbst, die dem Film durch ihre Offenheit, ihren Stolz und ihren selbstbewußten Umgang mit der Kamera auch über strukturelle Durststrecken hinweghelfen. Und sie nutzen ihre Chance, sich ins beste Licht zu rücken – in endlosen Monologen, assoziativ, nicht selten frei von jeglicher Relevanz, aber stets mit dem nötigen Quentchen Charme und Witz. 1970-01-01 01:00
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