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Harry Potter und der Gefangene von Askaban

Harry Potter and the Prisoner of Azkaban. USA 2004. R: Alfonso Cuarón. B: Steve Kloves. K: Michael Seresin. S: Steven Weisberg. M: John Williams. P: 1492 Pictures, Heyday Films. D: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Gary Oldman u.a.
141 Min. Warner ab 3.6.04

Labyrinth der Zeit

Von Sascha Seiler Wer sich vom dritten »Potter«-Abenteuer auf filmischer Ebene aufgrund des Engagements eines ›innovativen‹ Regisseurs mehr erwartet hat als von den ersten beiden Teilen des wertkonservativen Chris Columbus, wird enttäuscht sein. Der einzige Grund, warum die Grundästhetik dieses Films sich von den vorhergehenden unterscheidet, ist in der Vorlage zu finden, die deutlich düsterer und – nun ja – philosophischer daherkommt. Daß sich der jugendliche Held hier mit grundlegenden Fragen der Zeittheorie auseinandersetzen muß, ist sicherlich nicht der Verdienst des Produktionsteams; schwer wiegt dabei vor allem jeglicher Verlust von Figurencharakterisierung und die von Jahr zu Jahr schlechter werdenden schauspielerischen Leistungen des Hauptdarstellers Daniel Radcliffe.

Aber genug solcher banalen Fragen, denn Der Gefangene von Askaban berührt schließlich Themengebiete, die Columbus, Radcliffe und Konsorten wahrscheinlich fremd sind, doch dem Film seinen besonderen Reiz verleihen. Die ersten 90 Minuten merkt man davon jedoch nichts; das Abenteuer wird wie die beiden zuvor gerade heruntererzählt, bis der Zuschauer glaubt, den Cliffhanger zu Teil vier erreicht zu haben und schon mal seine Sachen zu packen beginnt. Doch dann beginnt das Abenteuer erst. Und diesmal ist es keine Reise in düstere Katakomben oder verzauberte Wälder, sondern eine Reise in die Vorstellungswelt einer nicht linearen Zeit, die simpel wirken mag, sich jedoch aufgrund der Negation von Kausalitätsprinzipien fernab vom simplizistischen Magieuniversum bewegt, das Potter-Fans so mögen.

Jorge Luis Borges schickte einst in der Geschichte »Der Tod und der Kompaß« seinen Detektiv zur Auflösung eines Falls, in dem der Mörder innerhalb eines rautenförmigen Urlabyrinths mordete. (Urlabyrinth meint hier eine rein räumliche Anordnung von Koordinaten, nicht den Irrgarten mittelalterlicher Prägung). Als der Mörder gefaßt ist, bekennt er, das nächste Mal den Detektiv in ein lineares Labyrinth zu schicken, also einen Irrgarten, der nur aus einer einzigen Linie besteht. Der Weg führte dann von A nach B, C liege zwischen A und B und D zwischen A und C. Was einleuchtend, aber nicht besonders labyrinthisch klingen mag, ist im Endeffekt ein Labyrinth der Zeit, das idealistische Zeitvorstellungen negiert und das Prinzip der Linearität selbstredend ausschließt. Belegt wird dies in einer theoretischen Abhandlung Borges' über den Wettlauf zwischen Achilles und der Schildkröte; ein Wettlauf, den Achilles gegen das lahme Vieh laut einer nicht linearen Zeitabfolge nicht gewinnen kann, da die Zeit sich permanent teilt. Er kommt nah heran, aber das Ziel ist ›größer Unendlich‹, also niemals erreichbar.

Innerhalb der sich formenden Zeitspalten kann demnach eine Menge passieren, was dem linearen Zeitkonzept widerspricht, und hier knüpft Der Gefangene von Askaban an, auch wenn die Autorin J. K. Rowling sich wahrscheinlich narrativer Muster bedient hat, ohne diese zu hinterfragen. Doch philosophisch gesehen: Wenn Potter seine eigene Flucht ermöglicht, indem er in seiner Reise zurück in die Zeit sich selbst begegnet und ›sich‹ ein Steinchen an den Hinterkopf wirft, das er aber schon abbekommen hat, bevor er überhaupt in der Zeit zurückgereist ist, gilt hier dasselbe Prinzip des angekündigten zeitlichen Labyrinths in »Der Tod und der Kompaß«: Da die Zeit sich gegen Unendlich teilt, ist vielleicht noch ein Ausgangspunkt auszumachen (ein Urknall oder Ähnliches), jedoch keine Kausalitätskette mehr.

Die Protagonisten stehen außerhalb der Zeit, weil sie diese ständig durch mehrere Zwischentüren betreten. Gezeigt werden dem Zuschauer nur zwei mögliche Varianten; die Geschichte selbst wiederholt sich in unendlichen Variationen mit unendlichen Potters, die unendliche Lösungen anbieten können, die sich gegenseitig bedingen. Schade, daß dieser Gang in den Wahnsinn nicht expliziter thematisiert wurde, jedoch ist dieser Film ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein relativ unbedarftes Autoren- und Produktionsteam philosophische Fragen höchster Brisanz aufwerfen können, ohne sich darüber bewußt zu sein.

In einer anderen Zeit allerdings ist diese Geschichte mit minimalen Abweichungen schon unendliche Male geschrieben worden. 1970-01-01 01:00

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