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Harry meint es gut mit dir

Harry, un ami qui vous veut du bien. F 2000. R,B: Dominik Moll. B: Gilles Marchand. K: Matthieu Poirot-Delpech. S: Yannick Kergoat. M: David Sinclair Whitaker. P: Diaphana. D: Sergi Lopez, Laurent Lucas, Mathilde Seigner, Sophie Guillermin u.a.
117 Min. Concorde ab 25.1.01

Also tötet Harry…

Von Thilo Wydra Es fängt alles völlig harmlos an. Auf einer Autobahn-Raststätte. Der eine entdeckt den anderen früher, beobachtet ihn, wie dieser sich auf der Herren-Toilette frisch macht an diesem heißen Sommertag. »Wir sind alle Voyeure«, sagte Hitchcock einst, über sein Meisterwek Rear Window. Der Beobachtende heißt Harry, der Beobachtete Michel. Lange ist es her, da kannten sie sich einmal. Also spricht Harry Michel an. Michel kann sich an die gemeinsame Schulzeit nicht mehr so recht erinnern, aber Harry versteht es, Michel davon zu überzeugen, doch ein wenig Zeit miteinander zu verbringen.

Hinter dem breiten Grinsen Harrys vermutet man zunächst nichts Schlimmes. Galant ist er, dieser Harry, höflich und zuvorkommend. Und stinkreich. Gemeinsam mit seiner deutlich jüngeren Freundin Prune, einem vollbusigen Püppchen, fährt er also in seinem klimatisierten Schlitten hinter Michels fünfköpfiger Familie her, bis sie Michels Haus erreicht haben.

Regisseur und Autor Dominik Moll, der bis dato einige Kurzfilme und den Spielfilm Intimité (1993) drehte, vollzieht den subtilen Wandel der Figur des Harry äußerst langsam. Mit Verlassen der Zivilisation kippt die Atmosphäre schleichend um. Harrys breites Grinsen verändert sich. Es ist nicht mehr freundlich-naiv. Es ist diabolisch-psychotisch. Dabei beobachtet er weiter.

Zunächst nervt er nur, wenn er urplötzlich die alte Karre von Michel gegen einen nagelneuen Jeep austauscht. Wenn er Schulden begleichen will. Wenn er ach so hilfsbereit ist. Und wenn er Michels Schul-Prosa zur großen Dichtkunst erhöht und ihn unter Druck setzt, seinen Science-Fiction-Roman aus der Schülerzeitung fortzusetzen. Jenen mit den fliegenden Affen, aus deren Köpfen Propeller wachsen. Harry will sich seinen Michel umerziehen, ihn zu seinem stilisierten Subjekt machen. Doch daraus wird nichts. Also tötet Harry. Michels Eltern etwa, sie wohnen in der Gegend, sieht er als Bedrohung der vermeintlichen Kreativität und Geistesfreiheit Michels, und bringt sie des Nachts um, in einer nervenaufreibenden Autojagd. Die Eltern sind erst der Anfang…

Harry meint es gut mit dir ist ein Leinwand-Juwel, ein glänzender Psychothriller à la Chabrols Le Boucher oder Hitchcocks Shadow of a Doubt, mit Suspense-Faktor à la française, ein manipulatives Seelen-Porträt, das von beklemmender, erschreckender, dabei durchweg anregend-unterhaltsamer Wirkung ist. Dominik Moll gelingt es, den Spannungsbogen von Anfang bis Ende zu halten, ohne Redundanzen, ohne das Tempo zu beschleunigen oder zu verlangsamen, alles ist in einem gleichmäßigen Fluß, nichts stört, nichts lenkt ab von dieser famosen Inszenierung.

Lange Zeit über erzählen Molls trügerische Bilder, eingefangen vom Kameramann Matthieu Poirot-Delpech, von einem Familienidyll. Und mittendrin der Wolf im Schafspelz, der Grinser, der Voyeur, der des Nachts vorm Kühlschrank hockt und sich rohe Eier reinhaut, das sei potenzsteigernd, verrät er dem mehrmals sprachlosen Michel, während oben die dralle Prune schon sehnsüchtig seufzend wartet. Der Regisseur muß eine diebische Freude beim Entwickeln und Inszenieren dieses hoch intelligenten, raffiniert strukturierten Filmes gehabt haben, wie sonst hätte er sein Sujet mit solcher Perfektion, mit solcher Akribie umsetzen können. Sergi »Harry« Lopez übrigens, bekannt aus Western und Une liaison pornographique, erhielt in Paris verdientermaßen den »Europäischen Filmpreis« als Bester Darsteller. 1970-01-01 01:00

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