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Happiness Is a Warm Gun

CH 2001. R,B,K,S: Thomas Imbach. B: Jürg Hassler, Peter Purtschert. K,S: Jürg Hassler. M: Sir Henry. P: Bachim Films, Schweizer Fernsehen DRS, ZDF. D: Linda Olsansky, Herbert Fritsch, Sir Henry u.a.
95 Min. Real Fiction ab 3.10.02
Von Mark Stöhr Hauptsache, die Teilnehmer hatten ihren Spaß. Aber wahrscheinlich nicht mal das. Wahrscheinlich war es für alle eine wahnsinnig schmerzhafte Erfahrung. Da wurde geheult, geschrieen, in den Arm genommen. Da wurde sich losgerissen, beschimpft, in die Hocke gekauert. Aber es war auch wahnsinnig wichtig. Mit Sicherheit sind alle Teilnehmer am Ende mit dem Gefühl ins Leben zurückgekehrt, daß sie Petra Kelly und Gert Bastian irgendwie näher gekommen sind. Natürlich fanden sie keine Erklärung für den Schuß in den Kopf. Wenn man die Wahrheit fühlt, muß man sie nicht erklären.

Der Schweizer Filmemacher Thomas Imbach hat eine Art Familienaufstellung mit zwei Mythengestalten der deutschen Friedensbewegung gemacht. Er stellte Herbert Fritsch als Bastian und Linda Olsansky als Kelly auf. Ganz nah zusammen, so nah wie Vater und Tochter. Stellt euch vor, ihr seid im Transitbereich eines Flughafens. Stellt euch vor, ihr befindet euch zwischen der Abgabe der Kugel und ihrem Eindringen in den Kopf.

Sofort fangen die Phantasmen an wie wild zu tanzen. Die beiden zerren aneinander und stoßen sich ab. Sie verfolgen sich durch die langen Hallenschluchten und finden sich frühstückend im Hotelzimmer wieder. Plötzlich erscheinen auf großen Monitoren die echte Friedenskämpferin und der echte Ex-Bundeswehrgeneral, im Bundestag sitzend, der Dalai Lama ist auch dabei. Petra, die imaginierte wieder, trifft auf eine Gruppe von Abschiebehäftlingen, die wollen raus wie sie. Aber wer weiß da schon noch, was draußen und drinnen ist, oben und unten. Ist doch sowieso alles nur geträumt.

Ist doch sowieso alles nur Bullshit. Imbach nimmt die persönliche Tragödie eines hochneurotischen Promi-Pärchens als Matrix für einen Schauunterricht in psychoanalytischem Power Acting. Eine keuchende Achterbahnfahrt zwischen Leben und Tod, die mehr den Energietransfers innerhalb eines Künstlerensembles dient als dem ästhetischen Anschluß an eine im Rätselhaften und Spekulativen festgefahrene Realität. Wahrscheinlich hält Imbach seine Kakophonie experimentellen Eigensinns auch noch für politisch. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #28.
© 2012, Schnitt Online

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