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Happiness

USA 1998. R,B: Todd Solondz. K: Maryse Alberti. S: Alan Oxman. M: Robbie Kondor. D: Jane Adams, Justin Elvin, Lara Flynn Boyle, Philip Seymour Hoffman, Ben Gazzara,u.a.
134 Min. Prokino ab 18.3.99
Von Tom Beyer Happiness ist ein Meisterwerk. Wofür andere Regisseure ein ganzes Lebenswerk benötigen, gelingt Todd Solondz bereits in seinem zweiten Kinospielfilm (nach Welcome to the Dollhouse) – keine Szene, kein filmisches Mittel, kein Dialog und keine Geste der Darsteller wirkt in diesem Ensemblefilm fehl am Platz. Wenn Happiness (der Titel ist purer Zynismus) für den Zuschauer trotzdem eine nicht immer angenehme Seherfahrung bedeutet, liegt dies an der Schonungslosigkeit, mit der Solondz seinen Protagonisten und ihren Abgründen zu Leibe rückt.

Angesiedelt in der Heimat des Regisseurs, New Jersey, dreht sich das episodenhafte Handlungsgefüge um die Schwestern Joy, Trish und Helen, die – so unterschiedlich sie auch sein mögen – doch alle auf der Suche nach Liebe und Glück sind. Um diese drei Figuren baut Solondz ein Geflecht an Personen und Handlungssträngen, das sich dem Zuschauer in seiner Komplexität und Abgründigkeit nur ganz allmählich offenbart. Da ist zum Beispiel Joys Affäre mit einem Schüler, der sich als dreister Dieb herausstellt, oder Trishs Ehemann, ein Psychiater, dessen pädophile Neigungen aufgedeckt werden, als sein Sohn Billy gerade in die Pubertät kommt, oder auch Helens vollschlanker und ständig schwitzender Nachbar Allen, der sich beim Anrufen wildfremder Frauen aufgeilt und dabei selbst zum Objekt der Begierde einer noch dickeren Nachbarin wird.

All dies inszeniert Solondz vollkommen undramatisch und mit dem Gestus des Alltäglichen. Über unerfüllte Sehnsüchte, heimliche Obsessionen oder offene Gewalt wird hier gesprochen, als gelte es, alltäglichste Abläufe zu bereden. Von seltener Eindringlichkeit ist etwa die Szene am Ende von Happiness, in der Bill seinem Sohn en detail schildert, wie er dessen besten Freund mißbraucht hat. Wie hier das äußerst zurückgenommene und authentische Spiel von Dylan Baker und Rufus Read mit der unaufdringlichen Kamera- und Schnittarbeit korrespondiert, läßt sich nur meisterhaft nennen.

Vielleicht liegt die erschreckende Normalität, die sich über dieses Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft ausbreitet, an dem dokumentarischen Background der Kamerafrau Maryse Alberti (ausgezeichnet u.a. für die Fotographie von Paris is Burning und Crumb), vielleicht ist es aber auch Solondz' ganz eigener Blick auf seinen Figurenkosmos und seine großartige Schauspielerführung, die so lange nachwirken. In einem bewundernswerten Balanceakt gibt er die Protagonisten zwar immer wieder der Lächerlichkeit preis, ohne jedoch ihren krankhaften Neurosen und Obsessionen etwas von ihrer tragischen Dimension und schockierenden Wirkung zu nehmen. Der Zuschauer verläßt somit das Kino mit dem Widerspruch, sehr gut unterhalten und gleichzeitig zutiefst verstört worden zu sein. In diesem Sinne ist Happiness die komischste Tragödie und die schockierendste Komödie seit langem 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #13.
© 2012, Schnitt Online

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