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Hannibal Rising – Wie alles begann

Hannibal Rising. USA 2006. R: Peter Webber. B: Thomas Harris. K: Benjamin Davis. S: Pietro Scalia. M: Thomas Newman. P: Young Hannibal Productions Ltd., Carthago Films S.a.r.l., Dino De Laurentiis Company u.a. D: Gaspard Ulliel, Gong Li, Rhys Ifans, Kevin McKidd, Dominic West u.a.
122 Min. Tobis ab 15.2.07

Düstere Aussichten

Von Eleonóra Szemerey Wenn es um die Entstehung eines großen Meisterwerks der holländischen Barockmalerei geht, kann ein Film mit sorgfältig gewählter Ausstattung, pointierter Lichtsetzung und feinfühlig am Original beobachteter Farbwahl durchaus über eine eher simple, geradlinige Geschichte hinweg tragen und erfreuen. Wenn es sich allerdings um das Erwachen eines der größten Serienmörder der Filmgeschichte zwischen Genie und Wahnsinn handeln soll, reicht visuelle Genugtuung ohne inhaltliche Spannung leider nicht aus, um Erwartungen zu befriedigen. Und das erst recht nicht, wenn sich diese Erwartungen notwendigerweise an einem Vorgänger wie Das Schweigen der Lämmer orientieren.

In dem nunmehr fünften filmischen Beitrag zum Hannibal-Kult steht der zweifelhafte Gourmet zum zweiten Mal allein im Zentrum des Interesses – und zum zweiten Mal wird der Film der faszinierend-abstoßenden Figur des hochintelligenten und stets kaltblütig kalkulierenden Kannibalen nicht gerecht. Obwohl oder vielleicht weil diesmal sowohl Romanvorlage als auch Drehbuch von Thomas Harris, dem Schöpfer des Monsters, stammen, kann die Geschichte des jungen Aristokraten mit der tragischen Vergangenheit bedauerlicherweise nicht lange interessieren. Daß psychopathische Serientäter für gewöhnlich zu solchen werden, weil ihnen in ihrer Kindheit Furchtbares widerfahren ist, weiß jeder, aber auch wirklich jeder Konsument audiovisueller Medien spätestens seit der Hochkonjunktur von Gerichtsshows – daß Hannibal Lecter allerdings, getrieben von Albträumen, aus Rache und Leidenschaft tötet, ist neu.

Gaspard Ulliel verkörpert diesen verletzten jungen Mann und vollzieht im Laufe von zwei Filmstunden eine Metamorphose vom geprügelten Waisenjungen mit gekrümmter Haltung, stets gesenktem Blick und ohne Sprache zum eiskalt blickenden, überlegenen Intellektuellen mit vollendeten Manieren und einem charmanten Lächeln, in dem der Wahn bereits mitschwingt. Seine Liebe starb auf grauenhafte Weise mit seiner kleinen Schwester; Schmerz und Wut als die einzigen Emotionen, die blieben, lernt er erst mit Hilfe der geheimnisvollen japanischen Witwe seines verstorbenen Onkels zu kanalisieren und über die Lehren der Mentorin hinausgehend auszuleben. Offenbar hätte Ulliel das schauspielerische Potenzial, ein würdiger Vorgänger – wohlgemerkt, nicht Ersatz – Sir Anthony Hopkins’ zu sein, doch ist es fraglich, ob man Lecter überhaupt als attraktiven Jüngling sehen und das Mythos seiner Person so sehr einfach und unkompliziert aufgeschlüsselt haben möchte – ob es nötig und angemessen ist, ihn zu einem coolen Helden mit fundierten Kenntnissen fernöstlicher Kampfkunst zu stilisieren und ein trendiges Klischee asiatischen Mysteriums an seine Seite zu stellen.

Doch auch wenn man die Figur des jungen Rächers annimmt und sich auf die Geschichte seiner Entwicklung einläßt, sich durch die atmosphärisch dichten, düster-beklemmenden Bilder und die morbide Grausamkeit entwickelnde Melodie des Kinderliedes vom Männlein im Walde zu gruseln gewillt ist, kann Peter Webbers Film nicht lange für sich einnehmen. Denn wenn man weiß, daß Hannibal überleben wird – und das weiß man nun einmal, das ist Kulturgut – kann eine lineare Aneinanderreihung von mehr oder minder geschickt eingefädelten und glatt bis gefährlich ablaufenden Bluttaten, bei denen man eher weiß als sieht, daß der Protagonist Teile seiner Opfer verspeist, keine Spannung erzeugen. Bei solch einer Ausgangslage wäre es weitaus angebrachter und viel interessanter, mehrschichtig und psychologisch halbwegs fundiert zu erzählen bzw. zu analysieren, durch welche Auslöser und auf welche Weise Lecter nach und nach zu dem Monster pervertierte, als das wir ihn vor 16 Jahren kennengelernt haben. Stattdessen zeigt Webber die meiste Zeit über ordentlich der Reihe nach, an wem Hannibal auf welche Art Rache nimmt und wie er kurz vor Ende seines Feldzugs erfährt, daß all seine Bluttaten doch nicht für das Schweigen seiner Träume sorgen können werden.
Daß dann der letzte Mord gar nicht mehr gezeigt wird, wirkt geradezu erlösend. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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